Was lässt Wähler Populisten wählen?

Neue Erkenntnisse und offene Fragen. Eine Studie für das Forum New Economy. Von: Robert Gold und Thiemo Fetzer

 

Welche Ursachen hat jener Aufstieg des Populismus, der seit ein paar Jahren in einer großen Zahl Länder gleichzeitig zu beobachten ist? Eher kulturelle, die auf Überforderung mit Zuwanderung und anderem schließen ließen? Oder wirtschaftliche und soziale, die an sich gar nicht so viel mit einer möglichen Überfremdung als Ursache zu tun haben.

Wir haben zur Beantwortung eine große Zahl an Studien ausgewertet. Die Quintessenz: was die Ursachen des Aufstiegs des Populismus in verschiedenen Ländern eint, sind vor allem die ökonomischen Gründe. Zwar gab es stets populistische Parteien, aber erst seit etwa 10 Jahren folgt deren Unterstützung einem europaweiten Trend, vor allem für Rechtspopulisten. Hintergrund sind längerfristige makroökonomische Trends, die in fast allen der betreffenden Länder aufgetreten sind (s. Graphik 1).

Der Anteil der Erwerbseinkommen am volkswirtschaftlichen Gesamteinkommen hat kontinuierlich abgenommen, und die Nachfrage nach geringqualifizierter Beschäftigung ging zurück. In der Folge hat die Ungleichheit zwischen Einkommens- und Qualifikationsgruppen zugenommen – mit ausgeprägten regionalen Disparitäten. Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen, dass sich die Verlierer wirtschaftlichen Wandels populistischen Parteien mit nationalistischer Agenda zuwenden. Diese Entwicklung wird wiederum getrieben durch die Globalisierung des Handels, mit der geringqualifizierte Arbeit in Niedriglohnländer verlagert wurde, und Sparpolitiken in Folge der Finanzkrise, welche Verteilungskonflikte verschärfen, wie sie u.a. durch Immigration entstehen.   

Der Zusammenhang von wirtschaftlichem Wandel, Ungleichheit und Populismus lässt sich am globalen Handel verdeutlichen. Der Handel mit Niedriglohnländern hat Industriearbeitsplätze in Hochlohnländern vernichtet. Das führt zu Ungleichheiten. Arbeitnehmer*innen mit geringer Qualifikation sind besonders negativ betroffen, während Hochqualifizierte profitieren. Analog sehen sich einige Regionen verschärftem Importwettbewerb ausgesetzt, während andere Regionen ihre Exporte steigern können. Diese Unterschiede spiegeln sich tatsächlich im regionalen Wahlverhalten wider, wie Auswertungen zeigen.

Gibt es einen starken Importwettbewerb, fällt die Unterstützung rechtspopulistischer Parteien signifikant höher aus als anderswo. Nationalistisch orientierte Parteien schneiden dagegen in Regionen schlechter ab, die von Exportmöglichkeiten profitieren. Ausschlaggebend scheint dabei vor allem das Wahlverhalten geringqualifizierter Arbeitnehmer*innen des Verarbeitenden Gewerbes – also denjenigen, die am meisten von internationalem Wettbewerb betroffen sind.

Natürlich lässt sich der Erfolg populistischer Parteien nicht allein durch internationalen Handel erklären. Parallelentwicklungen wie technologischer Wandel oder internationale Migration verschärfen Verteilungskonflikte, zumindest in der Wahrnehmung der Betroffenen. Populistische Parteien sind sehr erfolgreich darin, das durch ökonomische Verwerfungen geschaffene Wählerpotential auszuschöpfen. Mit einer Kombination ideologisch geprägter Argumente und selektiver Interpretation der Fakten liefern sie den „Verlierern der Globalisierung“ Erklärungsmuster, um Zukunftssorgen und Ängste – die primär ökonomisch begründet sind – zu rationalisieren.

Das Brexit- Referendum 2016 ist ein Paradebeispiel. „Leave“ erzielte besonders hohe Stimmanteile in Regionen, die negativ vom wirtschaftlichen Wandel betroffen waren. In diesen Regionen leben auch besonders viele Geringqualifizierte, d.h. potentielle Verlierer von Globalisierung und technologischem Wandel. Tatsächlich besteht ein statistisch signifikanter Zusammenhang zwischen dem Anteil Geringqualifizierter an der regionalen Bevölkerung und Stimmanteilen für den Brexit (s. Graphik 2). Diese Ungleichheiten resultieren aus längerfristigen Trends: Abnahme des Anteils der Erwerbseinkommen am Nationalprodukt, Lohneinbußen Geringqualifizierter und folglich zunehmende Einkommensungleichheit. Wohlfahrtsstaatliche Maßnahmen könnten solche Ungleichheiten abmildern, doch die Sparpolitik in Folge der Finanzkrise scheint die Lage nur noch verschlimmert zu haben. Im Ergebnis nutzte dies der „Leave“-Kampagne, die u.a. gegen Immigration polemisierte. In Regionen, in denen die Austeritätspolitik besonders negativ wirkte, fiel die Zustimmungsquote für den Brexit um durchschnittlich 10 Prozentpunktem höher aus als anderswo, wie aktuelle Forschungsergebnisse zeigen.

Um Populismus zu begegnen, muss Politik an seinen ökonomischen Ursachen ansetzen. Unsicherheiten können nicht allein durch Transferzahlungen abgemildert werden. Begleitende Arbeitsmarktpolitiken müssen Entwicklungsperspektiven für Individuen und Regionen schaffen. Eine weitere Herausforderung besteht darin, dem populistischen Narrativ verlässliche Informationen über Vor- und Nachteile ökonomischer Entwicklungen entgegenzusetzen.

 

Figure 1: Inequality and Populist Voting
Figure 2: Qualification and “Leave”-Support

 


Mehr lesen: ‚Die ökonomischen Ursachen des Populismus‘, Robert Gold & Thiemo Fetzer

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