NEUES LEITMOTIV

Die New Paradigm Papers des Monats Juni

Einmal im Monat präsentiert das Forum New Economy eine Handvoll ausgewählter Forschungsarbeiten, die den Weg zu einem neuen Wirtschaftsparadigma weisen.

VON

LUCY SAREMBA

VERÖFFENTLICHT

6. JUNI 2024

LESEDAUER

5 MIN.

Die politische Ökonomie der Industriepolitik

Réka Juhász, Nathaniel Lane

Diese Studie analysiert, wie Industriepolitik vom vorzufindenden politischen Umfeld beeinflusst wird. Die Autor*innen betrachten sowohl die politischen Kräfte, die die Wahl der Industriepolitik beeinflussen, als auch die Dimensionen der staatlichen Kapazitäten, die ihre Umsetzung formen – durch die Brille der modernen politischen Ökonomie.

Sie argumentieren, dass Industriepolitik die sie umgebenden politischen Realitäten berücksichtigen sollte. Am erfolgreichsten ist Industriepolitik, die im Rahmen der Kapazitäten des Landes und der von Land zu Land unterschiedlichen politischen Grenzen gewählt wird.

Darüber hinaus stellen sie fest, dass die politischen Herausforderungen, mit denen die politischen Entscheidungsträger*innen konfrontiert sind, nicht nur für die Industriepolitik gelten. Auch sind die politischen Grenzen nicht notwendigerweise unveränderlich. Im Gegenteil – erfolgreiche industriepolitische Maßnahmen zielen häufig darauf ab, diese Beschränkungen abzubauen.

DIE GANZE STUDIE

 

Mission Critical: Staatskunst für das 21. Jahrhundert

Mariana Mazzucato

In ihrem neuesten Bericht untersucht Mazzucato die missionsorientierte Regierungsführung als eine alternative Form der Staatskunst, die in der Lage ist, die Herausforderungen, mit denen wir heute konfrontiert sind, zu bewältigen. Sie wendet diesen missionsorientierten Ansatz auf die mögliche Wahl einer progressiven britischen Regierung im Jahr 2024/25 an.

Mazzucato zufolge wird die britische Regierung einen radikal anderen Ansatz wählen müssen, um den heutigen Herausforderungen zu begegnen. Sie schlägt die Einführung einer missionsgetriebenen Regierung vor, die durch Investitionen in ökologische und soziale Ziele für mehr Wachstum sorgt, das sowohl dem Planeten als auch den Menschen zugutekommt.

Sie argumentiert, dass eine andere Art von Staat erforderlich ist – ein Staat, der sektorübergreifende Investitionen und Innovationen fördert und Wachstum mit der Mission in Einklang bringt.

Außerdem betont sie, dass die missionsorientierte Staatskunst insgesamt auf Leistung, Vernetzung, Zusammenarbeit und Innovation ausgerichtet ist.

DIE GANZE STUDIE

 

Wie Menschen Inflation wahrnehmen

Alberto Binetti, Francesco Nuzzi, Stefanie Stantcheva

Die Autor*innen dieser Studie untersuchen, wie die US-Bevölkerung die Ursachen, Folgen und Verteilungseffekte der Inflation wahrnimmt. Die Befragten ihrer groß angelegten Umfrage nennen als Ursachen die Regierungspolitik, insbesondere die gestiegenen Ausgaben für ausländische Hilfe und gestiegene Produktionskosten infolge der Corona-Pandemie, die Ölpreise und Unterbrechungen in der Lieferkette.

Was die Folgen der Inflation betrifft, so nehmen die Befragten vor allem wahr, dass die Inflation ihre täglichen wirtschaftlichen Entscheidungen erschwert. Darüber hinaus erwarten sie negative Verteilungseffekte – vor allem, dass Haushalte mit geringerem Einkommen größere Einbußen hinnehmen müssen. Die Studie zeigt auch, dass die Wahrnehmung aller Aspekte der Inflation zwischen den Parteien variiert.

Ein weiteres Ergebnis ist, dass die Menschen die mit Inflation verbundenen Trade-offs nicht wahrnehmen. Stattdessen sehen sie Inflation als etwas ausschließlich Negatives. Darüber hinaus glauben die Befragten nicht, dass politische Entscheidungsträger*innen mit Trade-offs konfrontiert sind, wenn sie versuchen, die Inflation einzudämmen. Sie nehmen die Inflation als eine hohe politische Priorität wahr, und die meisten befürworten keine geldpolitischen Straffungsmaßnahmen zur Inflationsbekämpfung. Stattdessen bevorzugen die Befragten z.B. die Besteuerung hoher Einkommen und die Erhöhung der Unternehmenssteuern, weil sie der Auffassung sind, dass diese Maßnahmen auch andere Vorteile mit sich bringen. Die Befragten unterstützen auch Maßnahmen, die bedürftigen Haushalten helfen, mit der Inflation umzugehen – selbst wenn die Maßnahmen selbst inflationär wirken.

DIE GANZE STUDIE

 

Geldpolitik und radikale Unsicherheit

Paul de Grauwe, Yuemei Ji

Diese Studie untersucht die Auswirkungen radikaler Unsicherheit auf die Bewegungen makroökonomischer Variablen. Die Autor*innen argumentieren, dass bei radikaler Unsicherheit die Häufigkeitsverteilungen der makroökonomischen Variablen von der Normalverteilung abweichen. Dies bedeutet, dass es in einer Welt großer Unsicherheit nicht möglich ist, die Übertragung großer Schocks vorherzusagen.

Sie verweisen auf einen kürzlich erschienenen Artikel über die makroökonomischen Auswirkungen des Klimawandels, in dem die Autor*innen ein ähnliches Verhaltensmodell verwenden, d.h. ein Modell mit Agent*innen, die beim Versuch, die Komplexität der Welt zu verstehen, mit kognitiven Beschränkungen konfrontiert sind.

Diesem Artikel zufolge ist es im Vergleich zu einem Modell, das von Agent*innen mit rationalen Erwartungen ausgeht, in diesem Modell schwieriger, die Inflation niedrig zu halten und die Wirtschaft in Gegenwart des Klimawandels zu stabilisieren. Denn wenn die Akteur*innen kognitive Einschränkungen haben, ist es für sie schwieriger, den Klimawandel zu verstehen. Infolgedessen treffen sie nicht die notwendigen Vorsichtsmaßnahmen in Bezug auf Konsum und Sparen. Dies wiederum untergräbt die wirtschaftliche Stabilität.

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Kreditpolitik und die Grenzen grüner Zentralbanken

Katie Kedward, Daniela Gabor, Josh Ryan-Collins

Diese Studie untersucht, welche Rolle Zentralbanken bei der Vorantreibung der Dekarbonisierung spielen können. Die Autor*innen kommen zu dem Schluss, dass Zentralbanken aufgrund der Priorität, die sie der kurzfristigen Preisstabilität einräumen, und der strukturellen Erfordernisse der globalen marktbasierten Finanzierung dabei eingeschränkt sind, Finanzströme umweltfreundlicher zu gestalten.

Infolgedessen haben sie sich auf De-Risking- und Marktregulierungsmaßnahmen beschränkt und damit implizit die ökologische Transformation an den privaten Finanzsektor ausgelagert.

Die Autor*innen diskutieren, welche Lehren aus den Kreditrichtlinien der Nachkriegszeit gezogen werden und wie diese modernisiert werden können, um den Herausforderungen, die sich aus der marktbasierten Finanzierung ergeben, gerecht zu werden. Sie argumentieren, dass dies erfordert, dass die Zentralbanken die gegenwärtigen Normen der Marktneutralität und Unabhängigkeit in Frage stellen, d.h. ihre Rolle als öffentliche Einrichtungen weiterentwickeln.

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Nach ein paar Jahrzehnten allzu naiven Marktglaubens brauchen wir dringend neue Antworten auf die großen Herausforderungen unserer Zeit – und mehr: ein ganz neues Paradigma als Leitfaden. Wir sammeln alles zu den Leuten und der Community, die sich mit dieser großen Frage beschäftigen, sowie mit der historischen wie heutigen Wirkung von Paradigmen und Narrativen – ob in neuen Beiträgen, Auftritten, Büchern und Veranstaltungen.

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