Weltgipfel für den Aufschwung nach Corona

Was eine Auswahl der global renommiertesten Ökonomen empfiehlt – Kurzbericht von einer beeindruckenden NAEC-Konferenz.

 

Wenn Sie einen Eindruck davon bekommen möchten, wie viele Universen zwischen dem liegen, was in Deutschland als Wirtschaftskompetenz durchgeht und international führende Ökonomen und Ökonominnen in diesen Zeiten so diskutieren, dann haben Sie gestern etwas verpasst (und können es hier nachhören). Zu einem wahren Weltgipfel der Ökonomie haben unsere OECD-Partner (NAEC*) da eingeladen, um zu diskutieren, wie sich die wirtschaftliche Erholung nach der Pandemie mit der Lösung tieferer struktureller Probleme wie Ungleichheit, Klimakrisen und mangelnder wirtschaftlicher Dynamik verbinden ließe. Auf dem Podium: Nobelpreisträger Paul Krugman und IWF-Chefökonomin Gita Gopinath, ebenso wie Mariana Mazzucato, der frühere britische Notenbankchef Mark Carney und der ehemalige IWF-Chefvolkswirt Kenneth Rogoff.

Ein Beispiel für die Verknüpfung makroökonomischer und klimapolitischer Fragen, auf das Paul Krugman hinwies, sind die Konjunktur- und Infrastrukturpläne der Biden-Administration. Noch wichtiger als der bloße Umfang fiskalischer Stimuli ist laut Mariana Mazzucato die zielgerichtete Ausrichtung der Finanzmittel auf öffentliche Güter. Eine Erhöhung der öffentlichen Investitionen und Helikoptergeld reichen also nicht aus. Vielmehr sei der gezielte Einsatz von makroökonomischen Maßnahmen entscheidend.

Damit dies funktioniere, sei nicht die Frage nach mehr oder weniger Staat entscheidend, sondern es komme vor allem auf die Qualität der Regierungsführung (besserer Staat) an. Für eine wahrhaft systemische Erholung im Sinne von „building back better“ brauchen wir laut Mariana Mazzucato daher eine neue Art öffentlich-privater Partnerschaften. Anstatt die Wirtschaft von Risiken zu befreien, sollten die Regierungen die privaten Akteure für die eingegangenen Risiken zur Verantwortung ziehen; statt Märkte zu korrigieren, sollten sie Märkte mitgestalten.

Kenneth Rogoff legte sein Augenmerk auf eine weitere Herausforderung, die eng mit der Ungleichheitsentwicklung und stagnierendem Wirtschaftswachstum zusammenhängt: die zunehmende Monopolisierung von großen Technologieunternehmen. Er warnte vor der wachsenden (Markt-)Macht dieser Firmen und warb für stärkere Regulierungen – ganz Sinne von Elizabeth Warren. Mark Carney warnte ebenfalls vor einer zunehmenden „Uberisierung“ und hob hervor, dass technologische Revolutionen immer polarisierend auf Einkommen und Vermögen gewirkt haben. Zusätzlich verstärkt werde diese Entwicklung jetzt durch die Pandemie, weshalb jetzt solidarische, nachhaltige und resiliente Politikmaßnahmen erforderlich sei.

Auch Gita Gopinath legte ihren Fokus auf die zunehmende Polarisierung – allerdings im globalen Kontext. Durch die Covid-19 Pandemie sei eine Dekade der Konvergenz zwischen Industrie- und Entwicklungsstaaten zunichte gemacht. Während die meisten Industrieländer es sich leisten konnten, die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie mit Rettungspaketen abzufedern und sich genügend Impfstoff zu beschaffen, ist die Wirtschaftsleistung in den Entwicklungsländern stark eingebrochen. Die IWF-Chefökonomin appellierte deshalb an die Regierungen des globalen Nordens, Impfstoff abzugeben.

Ein Artikel von Mariana Mazzucato, Jayati Ghosh und Els Torreele über Patente an medizinischen Produkten im Zusammenhang mit Covid-19 verbindet diese Impfstoffproblematik mit einem Beispiel, wie eine offensivere Haltung des Staates aussehen könnte. Stimmen, die lediglich Kräfte des Kapitalismus und der Märkte für die schnelle Entwicklung und Produktion von Impfstoffen in den Himmel loben, vernachlässigen die entscheidende Rolle des Staates. Indem der Staat mit massiven öffentlichen Investitionen die Geschäftsrisiken der Pharmafirmen übernommen und einen umfangreichen Beitrag zur Entwicklung und Forschung beigesteuert hat, ist die Erfolgsgeschichte der Covid-19-Impfstoffe weit davon entfernt, allein von den Kräften des Marktes geschrieben worden zu sein.

Laut Mariana Mazzucato ist ein proaktiver Staat mit ausreichenden Ressourcen für eine gute Verwaltung notwendig, um öffentlich-private Partnerschaften zu reformieren, was den Kern der Lösung der drängenden Herausforderungen unserer Zeit ausmacht – für einen wirklich systemischen Wiederaufbau.

*New Approaches to Economic Challenges

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