ZEITRAUM

What if Putin’s war regime turns to MMT? Or to wartime Keynesianism? – Blogbeitrag
Adam Tooze, 03.03.2022
Sanktionen sind das Mittel der Wahl des Westens gegen Putins Aggression. Anstatt klein anzufangen, haben wir sofort mit einem Angriff auf die Zentralbank begonnen. Die Frage ist nun, wie schwerwiegend die Auswirkungen der Sanktionen sein werden. Wie schnell werden sie wirken? Wie werden sie sich auf die russische Gesellschaft auswirken und wie könnten sie die Politik des Landes verändern? Wird Russland sein makrofinanzielles Regime des Wall Street Consensus – fiskalische Sparsamkeit, freier Wechselkurs, Finanzierung inländischer Anleihen – aufgeben, das es zur Anhäufung einer Kriegskasse von Währungsreserven eingesetzt hat?

Schuldenregeln der Eurozone sollen erst 2024 wieder voll gelten – Artikel
Spiegel Online, 02.03.2022
Teure Sanktionen und Wirtschaftshilfen, dazu Pläne für eine umfangreiche Aufrüstung: Der Krieg in der Ukraine führt zu steigender Staatsverschuldung. Darauf reagiert die EU-Kommission nun.

Will Russia’s War Spur Trade Diversification? – Artikel
Michael Spence, Project Syndicate, 01.03.2022
In der turbulenten Welt von heute hängt die wirtschaftliche Sicherheit von der Fähigkeit der Länder ab, sich auf ihre Handelspartner zu verlassen. Dies stellt insbesondere die Europäische Union, die sich in der wenig beneidenswerten Lage befindet, in hohem Maße von russischen Energieimporten abhängig zu sein, vor ernste kurzfristige Herausforderungen.

Understanding the social state – Blogbeitrag
Emmanuel Saez, IMF Blog, 01.03.2022
Ihr Wachstum ist ein Rätsel für die moderne Wirtschaft, hat aber tiefe evolutionäre Wurzeln. Der Umfang und die Größe des Staates im Wirtschaftsleben stehen im Mittelpunkt der politischen Debatte. Die auffälligste Entwicklung ist das enorme Wachstum des Staates in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften im 20. Jahrhundert (die Größe des Staates, gemessen am Anteil der Steuereinnahmen am Volkseinkommen). Was machen die Regierungen mit so vielen Steuereinnahmen, was sie vorher nicht getan haben?

Im Lichte des 100 Milliarden schweren Sondervermögens für die Bundeswehr hat die Diskussion um die Schuldenbremse nochmal an Fahrt gewonnen. Die Diskussion, ob die 2009 ins Grundgesetz geschriebene Schuldenregel Ausdruck solider Haushaltspolitik ist oder eher einer Zwangsjacke gleichkommt, ist so alt, wie die Regel selbst. In der letzten Zeit werden kritische Stimmen angesichts des massiven Investitionsbedarfs für die klimaneutrale Transition und den demografischen Wandel lauter. Und was sagt die deutsche Bevölkerung dazu?

In einer kürzlich erschienenen Studie des Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim geht es um die öffentliche Meinung zur Schuldenbremse. Basierend auf einer repräsentativen Umfrage kommen die Autoren zu dem Schluss, dass die Zustimmung zu der Fiskalregel abgenommen hat. Während 2014 noch 69 Prozent der Schuldenbremse zustimmten, waren es 2021 nur noch 59 Prozent. Zudem standen rund 20 Prozent dieser skeptisch gegenüber und gut 60 Prozent sprachen sich für eine spätere Rückkehr zu einem ausgeglichenen Haushalt aus.

Die Studie und mehr Informationen gibt es hier.

Drei neue Survey-Studien greifen das Thema soziale Gerechtigkeit auf. Alle drei basieren auf der European Social Survey, einer Querschnittsbefragung für vergleichende Analysen in Europa mit der jüngsten Befragung 2018/2019.

Eine große Mehrheit erwerbstätiger Europäerinnen und Europäer empfindet Einkommens- und Vermögensverteilung demnach als ungerecht. Dennoch fühlen sich nur acht Prozent aller Befragten in Europa einer benachteiligten Gruppe zugehörig. Dieser Anteil ist aber gestiegen, da Frauen sensibler für Diskriminierungen wurden. Knapp ein Drittel zweifelt an Chancengerechtigkeit auf dem Arbeitsmarkt­.

Mehr Informationen gibt es hier.

Herr Feld, bringen Sie die schwarze Null zurück ins Finanzministerium? – Interview (Paywall)
Lisa Nienhaus und Mark Schieritz, Zeit Online, 16.02.2022
Der neue Berater von Christian Lindner will, dass die Koalition spart und schmutzige Energie teurer wird.

Die junge Generation zweifelt an der Marktwirtschaft – Artikel (Paywall)
Florian Diekmann, Spiegel Online, 15.02.2022
Wohlstand für alle? Für die Mehrheit der 16- bis 29-Jährigen in Deutschland erfüllt die soziale Marktwirtschaft dieses Versprechen nicht. Der SPIEGEL-Umfrage zufolge wankt auch die Unterstützung für den Kapitalismus.

Der Digitalausschuss hat plötzlich etwas zu sagen – und darf in Zukunft Gesetze federführend beraten – Artikel
Daniel Delhaes, Handelsblatt, 15.02.2022
In den vergangenen vier Jahren belächelt, hat der Digitalausschuss in dieser Legislaturperiode viel Macht. Die 34 Abgeordneten wollen diese nun nutzen.

Supporting carbon taxes: The role of fairness – Studie (Paywall)
Stephan Sommer, Linus Mattauch, Michael Pahle, Ecological Economics, Vol. 195, May 2022
While the economic case for carbon pricing is compelling, public support for it remains low. Using a stated-choice experiment with a sample of 6000 German household heads, we examine how their fairness preferences influence support for carbon taxes under different revenue uses. We find that respondents who prefer green spending are more likely to support a carbon tax, but the support diminishes considerably for higher tax rates – in contrast to respondents who support social cushioning. Our findings have implications for advancing carbon pricing, as its support can be increased substantially when designed according to citizens‘ fairness preferences.

Larry Fink’s Capitalist Shell Game – Artikel
Mariana Mazzucato, Prokect Syndicate, 11.02.2022
The chairman and CEO of the world’s largest asset manager has once again made waves by exhorting his fellow corporate leaders to embrace „stakeholder capitalism.“ Unfortunately, their understanding of that concept is far too limited and stops well short of the radical reforms needed to transform capitalism in the interests of people and the planet.

Why inflation and the cost-of-living crisis won’t take us back to the 1970s – Artikel
Adam Tooze, The New Statesman, 07.02.2022
Surging energy prices force us to confront the suffering caused by inflation and our uncertain future. But a new wage-price spiral is still unlikely.

Nicht nur in Deutschland steht der Mindestlohn derzeit weit oben auf der politischen Agenda – zahlreiche europäische Länder sind auf dem Weg zu strukturell höheren Mindestlöhnen. Als Richtwert für ein angemessenes Mindestlohnniveau gilt dabei die Schwelle von 60 % des Medianlohns, die auch im Kontext der Europäischen Mindestlohninitiative diskutiert wird.

Ein neuer Bericht des des gewerkschaftsnahen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) zeigt, dass Mindestlöhne in dieser Höhe umsetzbar sind, wenn hierfür eine klare politische Richtungsentscheidung getroffen wird. Deutschland würde sich mit der geplanten Anhebung des Mindestlohns auf 12 Euro diesem Richtwert annähern und damit innerhalb Europas vom bisherigen Nachzügler bei Mindestlohnerhöhungen zum Vorreiter in der Mindestlohnpolitik werden.

Den ganzen Bericht gibt es hier.

Dazu passend: In einem Makronom-Artikel analysiert Gabriel Ahlfeldt von der London School of Economics die Wohlfahrtseffekte einer Mindestlohnerhöhung auf 12 Euro (hinter der Paywall). Das zugehörige Diskussionspapier gibt es hier.

UNSERE THEMENSCHWERPUNKTE

Neues Leitmotiv

NEUES LEITMOTIV

Nach ein paar Jahrzehnten allzu naiven Marktglaubens brauchen wir dringend neue Antworten auf die großen Herausforderungen unserer Zeit – und mehr: ein ganz neues Paradigma als Leitfaden. Wir sammeln alles zu den Leuten und der Community, die sich mit dieser großen Frage beschäftigen, sowie mit der historischen wie heutigen Wirkung von Paradigmen und Narrativen – ob in neuen Beiträgen, Auftritten, Büchern und Veranstaltungen.

Staat
neu denken

STAAT
NEU DENKEN

Jahrzehnte lang galt der Konsens, dass sich der Staat sich aus der Wirtschaft zurückziehen und man die Staatsschulden senken sollte, um den Wohlstand zu fördern. Dies hat jedoch zu chronischen Mängeln in Bildung und Infrastruktur geführt. Neuere Forschung versucht zu erörtern, wann es sinnvoll ist, dass sich der Staat in den Wirtschaftsprozess einmischt, um langanhaltenden Wohlstand zu garantieren und Krisen zu verhindern.

Klima
in Wohlstand
retten

KLIMA
IN WOHLSTAND
RETTEN

Zu Hochzeiten des Glaubens an die Märkte galt als bestes Mittel gegen die Klimakrise, an den Märkten einen CO2-Preis aushandeln zu lassen. Heute ist zunehmend Konsens, dass das nur bedingt funktioniert - und es weit mehr braucht, als nur einen Preis.

Ungleichheit
verringern

UNGLEICHHEIT
VERRINGERN

Das Gefälle zwischen Arm und Reich scheint selbst in einem Land wie Deutschland zunehmend den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu gefährden. Um den Trend umzukehren, ist es wichtig, die wirklichen Ursachen des Auseinandergehens von Einkommen und Vermögen zu verstehen.

Finanzwelt
erneuern

FINANZWELT
ERNEUERN

Auch zehn Jahre nach der Finanzkrise scheint eine wirkliche Stabilität des Finanzsystems nicht in Sicht zu sein. Risiken werden periodisch falsch bewertet und führen zu Boom-Bust-Zyklen. Ein stabileres Finanzsystem sollte kurzfristige Spekulationen erschweren, systemische Risiken begrenzen und das Vermögen gerechter verteilen.

Innovation Lab

INNOVATION LAB

Brauchen wir ein ganz neues Verständnis von Wirtschaftswachstum? Was wäre eine reale Alternative? Wie praktikabel sind Alternativen zum Bruttoinlandsprodukt, wenn es um die Messung von Wohlstand geht? Um diese und andere grundsätzlichere Herausforderungen geht es in dieser Sektion.

Globalisierung
für alle

GLOBALISIERUNG
FÜR ALLE

Nach drei Jahrzehnten schlecht gemanagter Integration ist die Globalisierung durch soziale Unzufriedenheit und den Aufstieg populistischer Kräfte bedroht. Es gilt dringend die negativen Nebeneffekte auf viele Menschen zu beheben - und klarer zu definieren, welche Herausforderungen auf lokaler oder regionaler, und welche über Grenzen hinweg angegangen werden sollten.

Europa
jenseits
der Märkte

EUROPA
JENSEITS
DER MÄRKTE

Das Europa der vergangenen Jahrzehnte wurde stark vom Primat der Wirtschaft und dem Vertrauen in die Heilungskraft der Märkte geprägt. Die Euro-Krise hat dies erschüttert. Seither wird gestritten, wie die Währungsunion vor neuen Paniken besser geschützt werden kann – und wie sich das Auseinanderdriften von Ländern besser verhindern lässt.