Zukunft des deutschen Modells – eine Vorschau auf die inhaltlichen Highlights des Workshops

Neues zur Ungleichheit, zu einer neuen deutschen Industriepolitik, dem Ende der Schuldenbremse – und eine Exklusivumfrage zur Kapitalismuskrise. Eine Führung vorab.

 

Als Deutschland vor fast genau 30 Jahren die Einheit feierte,  der Autor Francis Fukuyama damit nun auch das Ende der Geschichte wähnte – in dem Demokratie und Marktwirtschaft als beste aller Lösungen alternativlos herrschen. Was auf den Mauerfall folgte, waren ein Durchmarsch des Kapitalismus – mit etlichen weiteren Deregulierungen und einem immer irreren Glauben in die Allmacht der Märkte.

Dreißig Jahre später ist eben dieser Kapitalismus in einer tiefen Vertrauenskrise. Sagen weltweit mehr als die Hälfte der Leute, dass dies in seiner jetzigen Form nicht geeignet ist, die großen Herausforderungen noch zu lösen – ob Klimakrise oder Auseinanderdriften von Gesellschaften. Und muss nicht auch Deutschland sein Wirtschaftsmodell überholen?

Und jetzt? Um all das dreht es sich in den kommenden Tagen auf unserem Workshop zur „Zukunft des deutschen Wirtschaftsmodells“ – mit exklusiven Studien und Beiträgen von Thomas Piketty und Mariana Mazzucato, einem Gespräch zwischen Nobelpreisträger Joseph Stiglitz und Bundesfinanzminister Olaf Scholz, einer Keynote von SPD-Chef Norbert Walter-Borjans und Kommentaren von Veronika Grimm aus dem Sachverständigenrat. Um nur ein paar zu nennen.

 

Eine kleine Führung vorab.

Tag 1 – die große Systemfrage – Montag, 28. September

 


Wie eine Umfrage ergeben hat, die wir exklusiv vorab bei Forsa in Auftrag gegeben haben – und am Montag zum Auftakt vorstellen – äußert selbst nach vielen Jahren sinkender Arbeitslosigkeit in Deutschland ein nennenswerter Teil der Menschen den Wunsch, dass das aktuelle Wirtschaftssystem grundlegend erneuert werden sollte. Kaum einer sagt, es solle im System alles so bleiben, wie es ist. Warum ist das so? Und wie stark ist der Kapitalismus 30 Jahre nach seinem Siegeszug reformbedürftig? Darüber diskutieren auf dem Startpanel SPD-Chef Norbert Walter-Borjans mit Johannes Vogel von der FDP, Lisa Paus von den Grünen und Dalia Marin, Wirtschaftsprofessorin aus München. Moderiert von der Autorin des Buchs „Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung“ Ulrike Herrmann. Montag, ab 15 Uhr.

 

Ob es mit unserem Wirtschaftsmodell so weitergehen sollte wie bisher, hängt auch stark von der Frage ab, wie gut Deutschlands Wirtschaft durch die Corona-Pandemie kommen wird – welche Schäden sie davon trägt, und wie stark danach die strukturellen Umbrüche durchschlagen, wie etwa der Umbau zu einer klimabelastbaren Wirtschaft. Stichwort Autoindustrie. Wie die Chancen stehen, diskutieren auf dem zweiten Panel am Montag Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Holger Schmieding, Chefökonom der Berenberg Bank, die Pariser Analystin Véronique Riches-Flores, sowie Maja Göpel vom New Institute. Montag, ab 17 Uhr.

 

Eine ungeahnte Brisanz hat die systemisch große Frage nach der Rolle von Staat und Markt in der Corona-Pandemie 2020 bekommen. Wie stark sollte und musste der Staat zur Hilfe eilen, als im Frühjahr in etlichen Branchen die Umsätze wegbrachen? Billonen-Pakete schnüren. Bei Konzernen einsteigen. Und was lehrt die aktuelle Krise für ein neues Staatsverständnis, das wir nach Jahren des Marktdogmas auf Dauer womöglich wieder bräuchten? Die Keynote von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, einem der Politiker, die mit der Frage nach dem Staatswirken in den vergangenen Monaten wie kaum ein anderer beschäftigt war. Ganz praktisch. Montag, ab 18 Uhr.

Tag 2 – Zukunft des deutschen Wirtschaftsmodells – Dienstag, 29. September

Die Ungleichheitsfrage

Lange galt Deutschland als Modell des sozialen Ausgleichs. Dabei sind die Einkommen seit den 1980er-Jahren so stark auseinandergedriftet, dass der Staat immer mehr aufwenden muss, um die Kluft ansatzweise auszugleichen. Der Abstand zwischen den Top-Vermögenden und der unteren Hälfte stieg derweil vom 50- aufs 100fache gestiegen. Und: etwa die Hälfte der Deutschen sagen nach einer von uns in Auftrag gegebenen Umfrage, dass der soziale Ausgleich nicht mehr funktioniert. Um festzumachen, wie all dies am effizientesten umzukehren wäre, ist wichtig herauszubekommen, was die Haupttreiber der Ungleichheit sind – das Thema der zweiten Studie, die wir im Rahmen eines Projektes des Forum New Economy mit dem DIW in Auftrag gegeben haben; und dessen spannende Ergebnisse Charlotte Bartels vorstellen wird. Hauptaugenmerk: inwiefern hat das Hochschnellen der Immobilienpreise zu einem weiteren Auseinanderdriften im Land geführt, insbesondere zwischen Hausbesitzern und Mietern geführt? Diskutiert wird die Studie auf dem Panel von Andreas Peichl vom Ifo-Institut und Lucas Chancel vom World Inequality Lab aus Paris. Dienstag, ab 9 Uhr 15.

 

Piketty und die deutsche Ideologie

Wird Europa am Ende scheitern, weil Deutschland eine andere wirtschaftliche Ideologie vertritt als Frankreich, Italien und Spanien? Thomas Piketty hält dagegen. In seiner Keynote via Zoom will er darlegen, warum die Deutschen historisch betrachtet am Ende immer viel flexibler und innovativer waren, als es die vermeintlichen ideologischen Gräben vermuten lassen. Für Europa könne das heute eine große Chance sein. Einverstanden oder nicht? Das werden Veronika Grimm aus dem Sachverständigenrat und Moritz Schularick von der Uni Bonn und INET anschließend mit Piketty diskutieren. Dienstag, ab 10 Uhr 30.

 

Finanzpolitik jenseits der Schuldenbremse

Das lange Einhalten der schwarzen Null gilt als in Deutschland als vorbildlich. Dabei hat es seine Tücken, die Finanzpolitik an starren Zielen für die Haushaltssalden zu orientieren, schreiben Michael Hüther vom Institut der deutschen Wirtschaft und Jens Südekum von der Uni Düsseldorf in einer neuen Studie für das Forum New Economy: zu wenig Investitionen und eine einseitige Last für die Kommunen. Und: die Fehler drohen sich zu wiederholen, wenn es nach der Corona-Krise darum geht, die erhöhte Verschuldung wieder zurückzuführen. Hüther und Südekum stellen ein neues Modell für die Fiskalpolitik vor –eine Abkehr vom alten finanzpolitischen Paradigma. Was andere davon halten? Auf dem Panel: Christian Kastrop, so eine Art Vater der Schuldenbremse, Guntram Wolff (Bruegel), Eric Longergan (M&G Investments) und Daniela Gabor (UWE Bristol). Dienstag, ab 11 Uhr 40.

 

Noch ein Konjunkturpaket?

Noch ist offen, ob Deutschlands Wirtschaft verlässlich auf dem Weg aus der Krise ist. Der nächste Schock könnte im Winter kommen. Umso wichtiger, schon einmal auszuloten, was in der Krise dann helfen würde; und wie sich Konjunkturhilfen besser als bisher mit dem Ziel vereinbaren ließen, dadurch auch langfristige Herausforderungen wie den Klimawandel anzugehen. Zusammen mit dem IMK haben wir eine Matrix entwickelt, die helfen soll die möglichst doppelte Effizienz solcher Maßnahmen zu prüfen. Ein Modell-Versuch. Vorgestellt in unserem „Speed Dating“ von Sebastian Dullien und Silke Tober. Diskutiert von Gerhard Schick von der Bürgerbewegung Finanzwende. Dienstag, ab 13 Uhr 45.

 

Weg von der Exportlastigkeit

Zu den deutschen Eigenheiten, die in den vergangenen mindestens zehn Jahren am häufigsten kritisiert wurden, zählt unzweifelhaft der riesige deutsche Exportüberschuss. Nur: was sollte Deutschland eigentlich tun, damit die Bilanz ausgeglichener wird? Gibt es historische Vorbilder von Ländern, die in Friedenszeiten und willentlich solche Schieflagen beseitigt haben? Und wie soll jene Binnennachfrage dauerhaft so gestärkt werden, dass auch wieder mehr importiert wird – zumal ja niemand ernsthaft will, dass die Lösung in einem Abbau des Exports liegt? Antworten darauf geben Achim Truger aus dem Sachverständigenrat, Till van Treeck von der Uni Duisburg-Essen und Jan Behringer vom IMK im Entwurf zu einer Studie für das Forum New Economy. Vorstellung am Dienstag ab 14 Uhr 15. Diskutanten: Allianz-Chefökonom Ludovic Subran; Matt Klein, Co-Autor des viel beachteten Buchs „Trade Wars are Class Wars“; Heike Joebges von der HTW in Berlin. Chair: CER-Chefökonom Christian Odendahl.

 

Für eine neue deutsche Industriepolitik

In den Sonntagsreden der Ordo-Liberalen ist Industriepolitik in Deutschland tabu. In der Praxis wird sie schon lange betrieben, schreiben Mariana Mazzucato und Rainer Kattel in einer exklusiv für das Forum New Economy erstellten Studie. Dabei komme es künftig viel mehr darauf an, diese Industriepolitik besser zu koordinieren – und auf feste Missionen auszurichten. Etwa die Transformation zu einer klimaneutralen Wirtschaft – mit allem, was das für die deutsche Industrie bedeuten kann. Wie ein neues Modell aussehen könnte, stellen Mazzucato und Kattel vor – via Zoom zugeschaltet am Dientag ab 15 Uhr 45. Und was die Deutschen davon halten – lässt sich sicher an dem ablesen, was die hoch relevanten Panelisten sagen: Philipp Steinberg, der Chefökonom Wirtschaftsministeriums; Klaus Deutsch vom BDI; Patrizia Nanz, Leiterin des Deutsch-Französischen Zukunftswerks; und Jens Südekum, einer der renommiertesten deutschen Experten, wenn es um Industrie- und Regionalpolitik geht.

 

Deutsche Ökonomen – zurück aus der Orthodoxie?

International gab es in den vergangenen Jahren viel Kritik daran, wie orthodox in Deutschland noch Wirtschaftspolitik gemacht wird. Sind deutsche Ökonomen anders? Oder ist das Image ohnehin längst überholt? Darüber diskutieren Jakob von Weizsäcker, Chefökonom des Bundesfinanzministers, der Franzose Jean Pisani-Ferry, der Brite Anatole Kaletsky, Nora Szech von der Uni Karlsruhe, Rüdiger Bachmann von der University of Notre Dame und Anna Reisch vom Dezernat Zukunft.

 

Joseph Stiglitz im Gespräch mit Olaf Scholz

Nobelpreisträger Joseph Stiglitz gehörte über viele Jahre zu den schärfsten Kritikern der deutschen Finanz- und Euro-Politik – und dem Dogma der Austerität, für die symbolhaft der frühere Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble stand. Jetzt hat Deutschland in der Corona-Krise so schnell und so massiv reagiert wie kaum ein anderes Land, die Schuldenbremse ausgesetzt – und mit Frankreich sogar für einen neuen unorthodoxen Kurs in der Euro-Politik gesorgt. Unter Bundesfinanzminister Olaf Scholz. Was Joe Stiglitz von der vermeintlichen neuen Politik hält – will er in seiner Keynote sagen. Um es dann mit dem Finanzminister zu diskutieren. Steht Europa von einer neuen gemeinsamen Finanzpolitik? Wie sollte Deutschland mit den hohen Schulden aus der Corona-Krise jetzt umgehen? Wann sollte die schwarze Null wieder stehen – wenn überhaupt? Moderiert von Nicola Brandt von der OECD. Dienstag, ab 18 Uhr 30.

Tag 2 – Mittwoch, 30. September

Zukunft der Populisten

Zu den politischen Corona-Trends des Jahres gehört, dass Populisten an Boden zu verlieren scheinen. Das gilt für Donald Trump und Boris Johnson. Es gilt aber offenbar auch für die AfD in Deutschland, die in Umfragen stark verloren hat. Neuere Befragungen deuten zudem darauf hin, dass populistische Positionen schon vor dem Corona-Schock an Zustimmung eingebüßt haben. Wird die AfD auf dem Weg zur Bundestagswahl weiter an Bedeutung verlieren? Oder gibt es Anlass, mit neuen Wellen des Populismus in Deutschland zu rechnen? Die Antwort wird stark davon abhängen, welche tieferen Gründe für Protestwahlverhalten sich als entscheidend herausstellen. Über diese Fragen diskutieren auf dem ersten Panel am Mittwoch Anke Hessel vom WSI, Gustav Horn, Autor des jüngst erschienenen Buchs zu den ökonomischen Ursachen von Rechtspopulismus, Thiemo Fetzer von der University of … sowie Robert Gold vom Kieler Institut für Weltwirtschaft. Mittwoch, ab 9 Uhr.

Speed Dating – Zum Auf und Ab marktliberaler Narrative

Die Geschichte zeigt: was wirtschaftspolitisch zu bestimmten Zeiten entschieden wird, hängt stark davon ab, was sich als Leitmotiv oder Paradigma etabliert hat. In den Jahrzehnten ab Ende der 1970er-Jahre war dieses Paradigma in Deutschland – so wie stärker noch in den USA und Großbritannien – stark marktliberal geprägt. Wie mächtig solche Paradigmen dann wirken, lässt sich am Auf und Ab entsprechender Narrative und Buzz-Words messen, wie Nobelpreisträger Robert Shiller dargelegt hat. Wir haben in einer Scoping-Analyse herauszufinden versucht, welche Wörter dies in Deutschland sind – und wie oft sie in den vergangenen Jahrzehnten gebraucht wurden. Dafür haben wir in Anlehnung an Shiller als Tool Google Ngrams genutzt, das die Nutzung von Wörter in Büchern zählt – mit bemerkenswerten ersten Ergebnissen. Fast alle marktliberalen Buzz-Words scheinen in ein und demselben Jahr ihren Höhepunkt gehabt zu haben – bevor es steil bergab ging. Das Ende eines Paradigmas? Welches Jahr das ist? Auflösung durch Thomas Fricke und Anne Zweynert de Cadena – am Mittwoch um 10 Uhr 45.

Zur künftigen Rolle Deutschlands im Euro-Raum

In der Euro-Krise gab es international eine Menge Kritik daran, dass Deutschland zu wenig und zu spät geholfen hat. Diesmal hat die Bundesregierung eines der schnellsten und größten Konjunkturpakete aufgelegt, den Einsatz der EZB durchgewunken – und erstmals der Aufnahme gemeinsamer Schulden zur Finanzierung des Recovery Funds zugestimmt, mit Frankreich dazu sogar die Initiative ergriffen. Reicht das aus, um die Euro-Zone stabil zu halten – in einer möglichen zweiten Corona-Welle und über Corona hinaus? Welche Rolle sollte Deutschland auf Dauer spielen? Wie lässt sich der Widerspruch zwischen der Politik der Bundesregierung und dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts erklären und auflösen? Und was wäre nötig, um die nächsten Krise gar nicht erst eskalieren zu lassen? Darüber diskutieren in einer europäischen Konferenz Martin Wolf (FT), Clemens Fuest (Ifo), Philippe Legrain (Open Political Economy Network), Maria Demertzis (Bruegel), Antonella Stirati (Roma Tre Universitat) und Lucas Guttenberg (Delors Centre Berlin). Moderation: Mark Schieritz (DIE ZEIT). Mittwoch, ab 11 Uhr 30

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