NEUES LEITMOTIV
Forum-Newsletter: Was hilft wirklich gegen das Reichtumsgefälle? / New Economy Short Cut mit Gabriel Zucman
Aus unserer Forum New Economy Newsletter-Reihe
VON
THOMAS FRICKEVERÖFFENTLICHT
9. JANUAR 2026
Liebe Freunde, Kolleginnen und Kollegen,
driften Reich und Arm immer weiter auseinander? Wächst der Abstand zwischen Top-Verdienern und unteren Einkommensbeziehern? Oder doch nicht? Über kaum etwas ist so häufig immer wieder so Unterschiedliches zu lesen wie dazu. Und: Alle paar Wochen gibt es neue Daten, die entweder das eine oder doch das andere angeblich bestätigen. Was denn nun?
Lange ließ sich die Widersprüchlichkeit noch damit erklären, dass es tatsächlich kaum verlässliche Statistik zumindest zu den Vermögen gab. Das ist in den vergangenen Jahren nur immer weniger der Fall. Und der Befund ist so differenzierbar wie eindeutig: Ja, die Abstände zwischen den laufenden Gehältern und Einkommen haben in Deutschland seit etwa 2015 in der Tendenz (etwas) nachgelassen. Und: Es gibt keinen Automatismus, durch den der Abstand bei den Vermögen Jahr für Jahr immer größer wird.
Nur heißt das nicht, dass die ganze Ungleichheit nur herbeigeredet ist, wie manche dann gern schreiben (die den Reichen meist so nahe stehen, wie die Warner entfernt) – im Gegenteil. Wenn die unteren Einkommen nicht mehr ganz so stark abfallen, ist das ja deshalb so, weil die Dramatik irgendwann erkannt worden ist – und auch in Deutschland ein Mindestlohn eingeführt wurde.
Abwegig ist auch der Schluss, dass es kein Reich-Arm-Gefälle gebe, wenn die Top-Vermögen mal ein, zwei Jahre nicht weiter davonziehen – die Tendenz ist eindeutig, schon weil die Top-Vermögenden viel mehr Rendite auf ihre Anlagen erzielen. Das bisschen Auf und Ab ändert auch nichts mehr daran, dass nach allen Erhebungen absurde zwei Drittel des Gesamtvermögens von den zehn Prozent Reichsten gehalten werden. Das ist weder für eine Gesellschaft auf Dauer tragbar, noch wirtschaftlich sinnvoll. Es ist ein historisches Drama – zumal in einer Zeit, in der für alles Mögliche Geld fehlt und die Regierung zur Finanzierung Schulden machen muss. Da stimmt etwas nicht. Da hilft auch keine Zahlenakrobatik.
Klar, ergibt es Sinn, immer weiter an den Daten zu arbeiten, die Statistik zu aktualisieren und zu prüfen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich das Problem dabei plötzlich auflöst, ist gering. Dafür sind die Daten, die Ungleichheitsforscher heute nutzen, inzwischen zu solide.
Das Drama an der emotionalen Endlosfrage nach der Existenz des Problems ist: es hindert daran, die Zeit für die Suche danach zu verwenden, wie sich das Problem lösen lässt. Zu den Grunderkenntnissen der vergangenen Jahre zählt dabei, dass es vergleichsweise viel an den Vermögensverhältnissen ändern würde, jüngeren Menschen eine Art Grunderbe zu geben. Weniger brächte es den Simulationen zufolge, Vermögen- und Erbschaftsteuern anzuheben – was deshalb nicht weniger sinnvoll sein muss.
Der französische Ökonom Gabriel Zucman hat in den vergangenen Monaten viel Prominenz mit dem Vorschlag einer Mindeststeuer auf Superreiche gewonnen. Sein Buch dazu erscheint nächste Woche auf Deutsch. Am 19. Januar diskutieren wir mit ihm, was so eine Steuer wirklich verändern würde – im nächsten New Economy Short Cut ab 11:30 Uhr. Zur Anmeldung geht es hier.
Ein schönes Wochenende
Thomas Fricke
Dieser Text stammt aus unserer zweiwöchig erscheinenden Newsletter-Reihe. Zur Anmeldung geht es hier.