Highlights: Deutschland post-Corona: Vorbild oder kranker Mann?

Wie steht es um Deutschland post-Corona? Am ersten Tag des VII New Paradigm Workshop entstand auf unserem Panel mit Maja Göpel, Marcel Fratzscher, Véronique Riches-Flores und Holger Schmieding eine spannende Diskussion.

Aufgenommen am 28.09.2020 in Berlin beim VII New Paradigm Workshop des Forum for a New Economy. Foto: Forum for a new economy / Florian Schuh
 

Im Hinblick auf die Antworten der Regierung auf diese außergewöhnliche Krise gab Véronique Riches-Flores von Richesflores Research Paris einige nützliche Einblicke in die kurzfristigen wirtschaftlichen Aussichten für Deutschland. Im Vergleich zu dem schwachen französischen Konjunkturpaket, führte sie an, scheint Deutschlands Antwort auf die Covid-19-Krise perfekt abgestimmt zu sein; insbesondere in Bezug auf die dringendsten Probleme wie die Ankurbelung der Binnennachfrage, die Unterstützung der Unternehmen und die Ausgaben für die Infrastruktur. Ob es ausreichen wird, die deutsche Industrie zu retten, hängt von vielen Faktoren ab. Unter anderem von der Fähigkeit Deutschlands, sich an neue strukturelle Veränderungen anzupassen. Véronique Riches-Flores behauptete, dass sich die Globalisierung zurückentwickelt, während der Protektionismus zunimmt. Und in dem Maße, wie die strukturelle Nachfrage nach Industriegütern schwächer wird, veraltet das deutsche Modell des Exports von Industriegütern in Schwellenländer. Klimaprobleme und eine alternde Bevölkerung – ein Muster, das sich in Zukunft höchstwahrscheinlich noch verstärken wird – belasten Industrie und Welthandel zusätzlich. Die deutsche Produktion konzentriert sich nach wie vor auf schwere Produkte, arbeits- und kohlenstoffintensive Industrie. Seine Produktivitätszuwächse drohen kaum beeinträchtigt zu werden, wenn das Land nicht angemessen auf diese Veränderungen reagiert, indem es sich auf eine kohlenstoffarme, technologieintensive Industrie umstellt. Um dies zu erreichen, sollte sich Deutschland um eine tiefere europäische Integration bemühen, und Europa selbst muss seine wirtschaftliche Transformation beschleunigen und eine neue Generation von Investitionen fördern.

 

Maja Göpel von The New Institut stellte daraufhin die Umweltfrage in den Mittelpunkt, indem sie auf die Notwendigkeit hinwies, die Art und Weise, wie wir derzeit in den Boden oder die Ökosysteme eingreifen, unverzüglich zu ändern. Der Klimawandel, so sagt sie, mache deutlich, wie sehr Deutschland ebenso wie andere Industrieländer tatsächlich vom Abbau von Ressourcen in anderen Ländern abhängig ist – mit all den ökologischen und sozialen Verzerrungen, die damit verbunden sind. In dieser Hinsicht ist Deutschland nicht nur Exportweltmeister, sondern auch ein sehr starker Importeur. Betrachtet man die ökologischen Ressourcen, so zeigt sich, dass zwei Drittel der Fläche, die Deutschland für seinen Verbrauch benötigt, von außen kommt. Eine andere Geschichte ist die Rohstoffgewinnung, die zu 90 Prozent in nicht-deutschen Ländern stattfindet. Deshalb ist es wichtig, die Debatte über den ökologischen Fußabdruck wieder aufzugreifen und eine Ökobilanz zu erstellen, das heißt zu prüfen, woher die in einem bestimmten Land verwendeten Rohstoffe stammen. Dies würde eine globale Perspektive der Ressourcennutzung ermöglichen und schließlich den Weg für eine systematisch konzipierte Kreislaufwirtschaft erleichtern.  Ein Punkt, an dem Deutschland im Rückstand zu sein scheint. Darüber hinaus scheinen die politischen Strategien nicht mit dem Haushaltsbedarf der notwendigen Interventionen zur Einleitung einer Transformation in Einklang zu stehen. Das bedeutet, dass ein enormer Bedarf an Steuern besteht. Sei es eine CO2-Steuer, eine digitale Steuer oder eine Steuer auf unverdiente Einkünfte aus rein spekulativen Gewinnen, es geht darum, die effizienzsteigernden Formen der Besteuerung zu finden.

 

Schliesslich fügt Marcel Fratzscher vom DIW den oben angesprochenen Punkten noch eine soziale Komponente hinzu, nämlich die verstärkte soziale Polarisierung. Zu den grössten Herausforderungen, denen wir uns in den kommenden Jahren stellen müssen, so Fratzscher, gehören die drei Ps, die er als Populismus, Protektionismus und Paralyse bezeichnet. In diesem Sinne stellt die soziale Polarisierung eine gültige Erklärung für die Enthüllung der drei Ps dar und könnte sich während dieser Pandemie weiter beschleunigen. Tatsächlich sind Menschen mit niedrigem Einkommen, geringerer Sicherheit und geringerer Qualifikation am stärksten von dieser Krise betroffen. Auch die regionalen Disparitäten in Deutschland haben in den letzten zehn Jahren deutlich zugenommen; nicht nur zwischen Ost und West, sondern auch entlang des Nord-Süd-Gefälles. Genauso wie die Geschlechterdisparitäten. Systemrelevante Berufe, die in Deutschland im Durchschnitt schlechter bezahlt werden und weniger Anerkennung finden, werden hauptsächlich von Frauen ausgeübt. Fratzscher warnt davor, dass die soziale Polarisierung in vielen Bereichen unserer Gesellschaft, nicht nur innerhalb Europas, zunimmt. Wenn wir also eine Zementierung der alten Strukturen vermeiden wollen, sollten wir nicht nur auf kurzfristige Stabilisierung setzen.

Das Panel beginnt im unteren Video ab 02:00:40.

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.