Top 5 Papiere für ein neues Paradigma – Winter 2020/21

Alle drei Monate präsentiert das Forum New Economy eine Hand voll ausgewählter Forschungsarbeiten, die den Weg zu einem neuen Wirtschaftsparadigma weisen.

 

 

Das Projekt zum Wiederaufbau der makroökonomischen Theorie Teil II: multiple Gleichgewichte, Spielzeugmodelle und Politikmodelle in einem neuen makroökonomischen Paradigma

von David Vines und Samuel Wills

 

Vor drei Jahren begann der Wirtschaftsprofessor David Vines mit seinen Bemühungen zum „Wiederaufbau der makroökonomischen Theorie“. Nachdem das Versagen der Makroökonomie im Zuge der Finanzkrise 2008 nicht mehr zu leugnen war, wurde Vines Initiative mehrfach begrüßt. Jedoch waren viele skeptisch, ob das Oxford-Forschungsprogramm die versprochene Transformation der Makroökonomie tatsächlich vollbringen könnte. So kritisierte FT-Kommentator Martin Sandbu die Mitwirkenden der ersten Ausgabe von Rebuilding Macroeconomic Theory, dass sie nur ein paar realistischere Verhaltensannahmen auf das Ein-Gleichgewichts-Modell aufpfropfen würden und dass sie mit ihrer Kritik an den Standard-Makromodellen nicht weit genug gehen würden. Letzten Monat war Sandbu daher froh zu sehen, dass die Oxford-Ökonomen David Vines und Samuel Wills im Leitartikel der zweiten Ausgabe des Projekts für ein „multiples Gleichgewochts und diverses Paradigma – das MEADE Paradigma“ warben. Das neue Paradigma sollte „betonen, dass Volkswirtschaften mehr als ein stabiles Gleichgewicht haben können, und die Ursachen dafür erforschen.“ Spätestens seit George Soros 1992 erfolgreich gegen das Pfund spekulierte, wissen wir, dass eine Veränderung des Glaubens und der Vorstellungen von Markteilnehmern ein Marktgleichgewicht auflösen und verschieben kann.

 

Geldpolitik und Ungleichheit

von Alina Bartscher, Moritz Kuhn, Moritz Schularick und Paul Wachtel

 

In den letzten Wochen ist eine heftige Diskussion über die zukünftige Rolle der Zentralbanken entbrannt. Viele renommierte Ökonomen wie Bradford DeLong, Barry Eichengreen und Marcel Fratzscher haben eine Ausweitung des Mandats der Zentralbanken gefordert. Unsere Partner von Transformative Response haben gerade eine ganze Konferenz darüber abgehalten, ob Zentralbanken ihre Befugnisse nutzen sollten, um so große Probleme wie den Klimawandel oder Ungleichheit anzugehen, die über das traditionelle Mandat der Preisstabilität hinausgehen. Inmitten dieser hitzigen Diskussion haben unser akademischer Partner Moritz Schularick und seine Kollegen dieses fantastische Papier über die Auswirkungen der Politik der Federal Reserve auf die Rassenungleichheit in den Vereinigten Staaten herausgebracht. Die Ergebnisse: „[…] obwohl Geldpolitik die Beschäftigung schwarzer Haushalte stärker erhöht als die weißer Haushalte, sind die Effekte insgesamt gering. Gleichzeitig verschärft ein geldpolitischer Schock den Vermögensunterschied zwischen schwarzen und weißen Haushalten, weil schwarze Haushalte weniger finanzielle Vermögenswerte besitzen, die im Wert steigen.“

Wenn die derzeitige Politik der Zentralbanken die Ungleichheit verschärft, dann könnte es tatsächlich an der Zeit sein, ihre Aufgaben und Mandate zu überdenken.

 

REVOLUTION OHNE REVOLUTIONÄRE: Eine kritische Auseinandersetzung mit der Rückkehr der Staatsfinanzierung durch Zentralbanken

von Daniela Gabor

 

Der Bericht von Daniela Gabor, der auf der Transformative Response-Konferenz „Next Generation Central Banking“ vorgestellt wurde, analysiert kritisch das aktuelle System der Zentralbankunabhängigkeit. Gabor argumentiert, dass die monetäre Finanzierung – der Kauf großer Mengen an Staatsschulden durch die Zentralbanken – zurückgekehrt ist und wohl auch dauerhaft bleiben wird. Jetzt braucht es einen Rahmen für „Kooperation ohne Unterordnung“, in dem Regierungen und Zentralbanken gemeinsam gesellschaftliche Herausforderungen bekämpfen. „Was gebraucht wird […] ist ein Rahmen für die Koordination mit den Finanzbehörden, der Geld und Kredit wieder in das Streben nach dem Gemeinwohl einbettet und der auf grüne und gesundheitlichee Ziele zugeschnitten ist.“ Das Papier wurde als eines von drei Policy Papers für die Next Generation Central Banking Konferenz veröffentlicht. Die Diskussion zum Papier mit zwei Zentralbankern gibt es — hier.

Eine Pflichtlektüre für jede/-n, der sich für kritische Makrofinanzwissenschaft interessiert.

 

Die Zukunft der Autoindustrie: Gefährliche Herausforderungen oder neues Chance für einen gesättigten Markt?

Von Annamaria Simonazzi, Jorge Carreto Sanginés, und Margherita Russo

 

Es besteht kein Zweifel, dass sich die Automobilindustrie derzeit in einem radikalen Wandel befindet. Das Forum New Economy diskutiert in einem Seminar am 24. Februar mit renommierten Experten über die technologischen und wirtschaftlichen Herausforderungen, vor denen die Autoindustrie steht. Passend zu unserer Arbeit beim Forum wurde gerade ein neues Arbeitspapier von unseren Partnern, dem Institute for New Economic Thinking (INET), veröffentlicht. Allen die mehr darüber erfahren wollen, wie sich die Transformation der Automobilindustrie auf die Beschäftigung, die Regionalisierung der Produktion und die dynamische Entwicklung der komparativen Vorteile der Nationen auswirken wird empfehlen wir das Papier und den Blogbeitrag von Annamaria Simonazzi und ihren italienischen KollegInnen.

 

Haben uns Roboter schon einmal alle unsere Jobs weggenommen? Die Mechanisierung der US-Agrarwirtschaft

Von Emily M. Eisner

 

Es besteht kein Zweifel, dass der technologische Fortschritt langfristig den menschlichen Wohlstand erhöht. Aber zumindest kurzfristig leiden Arbeiter unter dem Arbeitsverlust meist sehr. Wie Carpetti und Voth (2020) letztes Jahr zeigten, kann dies zu extremen Unruhen führen, wie bei den berüchtigten „Captain Swing“-Unruhen im England der 1830er Jahre. Neuere Forschungen haben zeigen außerdem, dass neue Technologien, wie Roboter und Automatisierung, ein großer Treiber der zunehmenden Ungleichheit sind (Südekum et al., 2020, Moll et al. 2021). Aber sind alle Arbeiter gleichermaßen von der Einführung von Robotern betroffen? Eine neue Studie der jungen Berkley-Ökonom*in Emily M. Eisner untersucht die Auswirkungen auf einzelne Arbeiter, indem sie die Auswirkungen des Traktors auf US-Landwirte analysiert. Ihre Ergebnisse zeigen, dass je älter der Landwirt, desto eher wird er von der neuen Technologie verdrängt und scheidet aus dem Arbeitsmarkt aus. Dies ist für die heutige Zeit hochrelevant, wie Eisner in einem aktuellen Blogbeitrag über den technologischen Wandel, der durch COVID-19 angestoßen wurde, zeigt. Ihr Punkt: Die schnelle Einführung neuer Technologien wie Zoom, die Telearbeit ermöglichten, schadete älteren Arbeitnehmern mehr als jungen. Oder wie Eisner schreibt: „Eine gute Veränderung (Arbeit von zu Hause, um während einer Pandemie Leben zu retten) kann Risse in unserem System finden und Schaden anrichten (in diesem Fall die Reduzierung der Arbeitsplatzsicherheit für ältere Arbeitnehmer). Mehr Forschung zu technologischem Wandel wird uns helfen, diese Probleme zu erkennen und die Folgen abzufedern.“ Stimmt. Weshalb wir allen empfehlen, Eisners Forschung im Auge zu behalten.

 

Referenzen

  • Bartscher, Alina K., et al. "Monetary policy and racial inequality." (2021).
  • Caprettini, Bruno, and Hans-Joachim Voth. "Rage against the machine: lessons from the swing riots in England." LSE Business Review (2020).
  • Eisner, Emily. "Have Robots Taken All of Our Jobs Before? The Case of Mechanization in US Agriculture." (2021).
  • Gabor, Daniela. "Revolution without Revolutionaries: Interrogating the Return of Monetary Financing." (2021).
  • Moll, Benjamin, Lukasz Rachel, and Pascual Restrepo. Uneven Growth: Automation's Impact on Income and Wealth Inequality. No. w28440. National Bureau of Economic Research, 2021.
  • Simonazzi, Annamaria, Jorge Carreto Sanginés, and Margherita Russo. "The Future of the Automotive Industry: Dangerous Challenges or New Life for a Saturated Market?." (2020): 1-34.
  • Stiebale, Joel, Jens Suedekum, and Nicole Woessner. "Robots and the rise of European superstar firms." (2020).
  • Vines, David, and Samuel Wills. "The rebuilding macroeconomic theory project part II: multiple equilibria, toy models, and policy models in a new macroeconomic paradigm." Oxford Review of Economic Policy 36.3 (2020): 427-497.