Top 5 Papiere für ein neues Paradigma

Alle drei Monate präsentiert das Forum New Economy eine Hand voll ausgewählter Forschungsarbeiten, die den Weg zu einem neuen Wirtschaftsparadigma weisen.

 

Charlotte Bartels, Simon Jäger and Natalie Obergruber – Long-Term Effects of Equal Sharing: Evidence from Inheritance Rules for Land

 

Dass die Vermögensungleichheit in den vergangenen 60 Jahren erheblich gestiegen ist, ist mittlerweile eigentlich Konsens. Aber warum sollte uns eine mehr oder weniger gleiche Verteilung des Vermögens kümmern? Ein Team um die deutsche Ökonomin Charlotte Bartels hat nun untersucht was passiert, wenn Vermögen gleicher verteilt wird. Als empirische Grundlage verwenden die Autoren der neuen Studie die unterschiedlichen Erbschaftsregeln im Deutschland des 19. Jahrhunderts. Gegenden in denen Land aufgeteilt und an alle Erben gleich verteilt wurde profitierten langfristig durch höheres Wachstum und haben heute nicht nur ein höheres Einkommen und Vermögen, sonder nauch einen höheren Bildungsstandard und eine höhere Arbeitsproduktivität. Ferner zeigen die Autoren, dass der wegen seiner Innovationskraft heute hochgelobte Mittelstand, in Regionen wie Baden-Württemberg, das Resultat der egalitäreren Vermögensverteilung von damals ist. Die Studie zeigt auf wie eine weniger ungleiche Verteilung von Vermögen die Anreize und Möglichkeiten erhöht um in Bildung zu investieren und das Risiko einzugehen ein Entrepreneur zu werden.

 

Olivier Blanchard, Alvaro Leandro, and Jeromin Zettelmeyer- Redesigning EU fiscal rules:From rules to standards

 

Die Coronakrise zwang die europäischen Regierungen zu enormen finanziellen Kraftanstrengungen, um einen wirtschaftlichen Zusammenbruch zu verhindern. Die bestehenden nationalen und europäischen finanzpolitischen Regeln – insbesondere die deutsche Schuldenbremse und der Stabilitäts- und Wachstumspakt der EU – wurden bis 2021 ausgesetzt, um die Zunahme der öffentlichen Verschuldung der EU-Mitgliedstaaten Rechnung zu legitimieren. Nun plädieren die drei Ökonomen Olivier Blanchard, Alvaro Leandro und Jeromin Zettelmeyer dafür, diese fiskalischen Regeln ganz aufzugeben und stattdessen durch fiskalische Standards zu ersetzen. Die Autoren argumentieren, dass die Schuldentragfähigkeit zu komplex sei, um sie in eine einzige Regel zu pressen. Fiskalische Regeln können aber auch nie komplex genug sein, um neuen und sich entwickelnden Eventualitäten Rechnung zu tragen. Die Autoren schlagen daher vor, fiskalische Regeln zugunsten von fiskalischen Standards aufzugeben. Diese qualitativen Vorschriften sollen so mehr Spielraum zur Beurteilung lassen.

 

Moritz Schularick, Manuel Funke and Christoph Trebesch – Populist Leaders and the Economy

 

In Folge der globalen Finanzkrise von 2008 erlebte die Welt einen neuen Aufstieg des Populismus. Heute werden 25% der Länder weltweit von populistischen Führern regiert. Was sind die Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum einer populistischen Führung? In einem neuen Papier haben die drei deutschen Ökonomen Moritz Schularick, Manuel Funke und Christoph Trebesch die Kosten des Populismus geschätzt und kommen zu dem Schluss. Ergebnis: sie sind hoch. „Zunehmender wirtschaftlicher Nationalismus und Protektionismus, eine nicht nachhaltige makroökonomische Politik und der institutionelle Verfall unter populistischer Herrschaft schaden der Wirtschaft nachhaltig.“ Ihre Ergebnisse legen nahe, dass 15 Jahre populistischer Herrschaft das Pro-Kopf-BIP um 10% senken.

 

 

Gavin Wright – Voting Rights, Deindustrialization, and Republican Ascendancy in the South

 

Der Voting Rights Act von 1965 revolutionierte die Politik im U.S. amerikanischen Süden. Diese Veränderungen hatten auch wirtschaftliche Folgen und brachten sowohl den weißen als auch den schwarzen Südstaatlern Gewinne. Entgegen der weit verbreiteten Annahme, dass die Region als direkte Reaktion auf die Bürgerrechtsrevolution republikanisch wurde, führte das erweiterte Wahlrecht zu einer fünfundzwanzigjährigen kompetitiven Zweiparteienpolitik mit starken Koalitionen zwischen weißen und schwarzen Wählern in der Demokratischen Partei. Diese Koalitionen waren in den meisten Staaten bis zur Republikanischen Revolution in den 1990er Jahren erfolgreich. Dieser abrupte Rechtsruck hatte viele Ursachen, aber entscheidend für die Wähler im Süden waren die Handelsliberalisierungsmaßnahmen von 1994, insbesondere die NAFTA und das Auslaufen des Multifaserabkommens, das die Textil- und Bekleidungsindustrie jahrzehntelang geschützt hatte. Die Folgen der republikanischen Regime in den Bundestaaten waren schwerwiegend: eine verstärkte Rassenpolarisierung, mangelnde Unterstützung für öffentliche Schulen und Hochschulen und eine harte Politik gegenüber einkommensschwachen Bevölkerungsgruppen waren die Folge, argumentiert der Wirtschaftshistoriker Gavin Wright in einem neuen Arbeitspapier für INET.

 

Joseph E. Stiglitz – The Pandemic Economic Crisis, Precautionary Behavior, and Mobility Constraints

 

Bereits im April 2020 sagte Kristalina Georgieva, die geschäftsführende Direktorin des IWF, dass die durch Corona verursachte Wirtschaftskrise „eine Krise wie keine andere“ sei. Und Kritiker der „Mainstream-Makroökonomie“ würden hinzufügen, dass die in der makroökonomischen Politikanalyse weit verbreiteten DSGE-Modelle die Besonderheiten der aktuellen Wirtschaftskrise nicht berücksichtigen können und für die Politikberatung ungeeignet sind. Glücklicherweise hat der Nobelpreisträger Joseph E. Stiglitz, der selbst ein ausgesprochener Kritiker der DSGE-Modelle ist, kürzlich ein neues Arbeitspapier veröffentlicht, in dem er drei verschiedene Merkmale der gegenwärtigen Krise modelliert: 1) Covid-19 ist ein sektoraler Schock von unbekannter Tiefe und Dauer, der einige Sektoren und Technologien stärker betrifft als andere; 2) es gibt Einschränkungen bei der Verlagerung von Ressourcen zwischen den Sektoren; und 3) es besteht ein hohes Maß an Unsicherheit über die Krankheit und ihre wirtschaftlichen Folgen, was bei einigen Akteuren ein hohes Maß an Vorsichtsmaßnahmen auslöst und bei anderen zu schwerwiegenderen Kreditrestriktionen führt. Das Modell wird dann verwendet, um verschiedene politische Reaktionen zu bewerten.

 

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