Die Verteilung der Vermögen in Deutschland von 1895 bis 2018

Eine neue Studie von Thilo Albers, Charlotte Bartels und Moritz Schularick zeigt zum ersten Mal die langfristige Entwicklung der Vermögensungleichheit in Deutschland. VON MARC ADAM

Ungleichheit ist wieder auf der Tagesordnung. Zumindest in den meisten westlichen Ländern seit Thomas Piketty 2013 sein Buch „Kapital im 21. Jahrhundert“ veröffentlichte. Hierzulande hielten hingegen viele Experten die Debatte, zumindest in Bezug auf Deutschland, für übertrieben (siehe hierzu das Jahresgutachten der „Wirtschaftsweisen“ aus dem Jahr 2017). Jetzt hat ein Team von drei deutschen ÖkonomInnen um den Bonner Professor und INET Fellow Moritz Schularick Steuerdaten, Umfragen und Reichenlisten ausgewertet, um als erste die langfristige Entwicklung der Vermögensungleicheit in Deutschland umfangreich zu erfassen.

Der abgedeckte Zeitraum ist dabei länger als bei vorherigen Studien. Die Schwierigkeit im deutschen Kontext liegt dabei in den fünf verschiedenen Regierungsformen, die Deutschland während des 20. Jahrhunderts durchlief. Langfristig können die Autoren feststellen, dass sich der Teil der Vermögen, den die oberen 1% der Bevölkerung für sich beanspruchen, zwischen dem ersten Weltkrieg und den 1950er Jahren dramatisch gefallen ist. Dass diese Konzentration der Vermögen an der Spitze so drastisch zurückging, schieben die Autoren vor allem auf den Verfall der Unternehmenswerte während der Großen Depression und die Einführung des „Lastenausgleichs“, einer Vermögenssteuer, die 1952 eingeführt wurde um die Kosten des Krieges breiter zu verteilen.

Die Studie hebt sich von vorherigen Analysen, wie z.B. der von Fuchs-Schündeln et al. (2010), ab, da sie nicht ausschließlich auf Umfragewerten beruht. Umfragen neigen dazu die Vermögensungleichheit zu unterschätzen, da die reichsten Leute hierbei meist nicht befragt werden. Ein weiterer wichtiger Beitrag der Methode Steuerdaten, Umfragen und Reichenlisten zu vereinen, ist es die Vermögensanteile verschiedener Bevölkerungsgruppen zu errechnen. Dieser Ansatz wurde maßgeblich durch den Ökonomen Thomas Piketty bekannt gemacht und hat gewisse Vorteile gegenüber dem Gini-Koeffizienten, der zwar weiterhin das populärste Maß für Ungleichheit ist, aber in letzter Zeit stark in die Kritik kam (siehe – hier).

Den Unterschied zwischen früheren Studien, die den Gini-Koeffizienten verwenden, und der hiesigen zeigt sich in der Zeit nach der Wiedervereinigung. Während sich sowohl der Gini, als auch der Vermögensanteil der oberen 1%, nach 1990 kaum verändert, gibt es recht unterschiedliche Wachstumsraten zwischen bestimmten Bevölkerungsgruppen. Besaßen die reichsten 10% 1993 „nur“ 50 Mal so viel wie die ärmsten 50%, so waren es 2018 100 Mal so viel. Tatsächlich haben sich die Vermögen der ärmsten 50% zwischen 1993 und 2018 nahezu halbiert. Diese Polarisierung der Vermögen war in Ost-Deutschland besonders stark, wo sich die Vermögen am oberen Ende sogar verdreifachten.

Insgesamt zeigt die Studie eine starke Zunahme der Vermögensungleichheit in den letzten 25 Jahren. Während die oberen 50% ihre Vermögen effektiv verdoppeln konnten, stagnierten die Vermögen der ärmeren 50%.

Eine deutsche Zusammenfassung und die komplette englische Version der Studie gibt es – hier.

Referenzen

  • Fuchs-Schündeln, N., Krueger, D., and Sommer, M. (2010): Inequality trends for Germany in the last two decades: A tale of two countries, Review of Economic Dynamics, 13(1), 103-132.

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