NEUES LEITMOTIV

Forum-Newsletter: ​Eine Steuer gegen die Übermacht?

Aus unserer Forum New Economy Newsletter-Reihe

VON

THOMAS FRICKE

VERÖFFENTLICHT

23. JANUAR 2026

Liebe Freunde, Kolleginnen und Kollegen, 

als vergangenen Sommer in Deutschland wochenlang über das epochale Problem gestritten wurde, wie Leute zu sanktionieren seien, die Bürgergeld kriegen, ohne arbeiten zu wollen, wandten Skeptiker ein, dass Verweigerer doch eher Ausnahmen seien – und eine Streichung von Geldern weder viele Jobs, noch Einnahmen für den Staat brächte. „Trotzdem“ konterten die Bürgergeld-Aufgeregten. Das fänden die Menschen sonst unfair.

Umso bemerkenswerter ist dann nur, wie wenig der Fairness-Faktor angeführt wird, wenn es um die Besteuerung von sehr reichen Leuten geht, die dank Gestaltung oft nur sehr wenig oder gar keine Steuern auf ihr Vermögen zahlen, also entsprechend wenig zum Bau von Straßen, Kindergärten oder Universitäten im Land beitragen. Obwohl das nach Umfragen eine Mehrheit der Menschen nicht gut findet – über Parteigrenzen hinweg. „Es stünde uns in der Union gut zu Gesicht, nicht immer nur beim Bürgergeld nach Gerechtigkeitslücken zu suchen“, sagte dieser Tage CDU-Arbeitnehmerchef Dennis Radtke.

Frankreich scheint da ein Stück weiter. Einen maßgeblichen Anteil daran hat der Pariser Ungleichheitsforscher Gabriel Zucman, den wir diese Woche in unserem New Economy Short Cut hatten – im Gespräch mit Jens Südekum, dem Chefberater des Bundesfinanzministers. Zucmans Vorschlag einer Mindeststeuer auf Vermögen von 100 Millionen Euro und mehr – inzwischen weltweit bekannt als die „Zucman tax“ – wurde 2025 von der französischen Nationalversammlung beschlossen, nur dann vom Senat erst mal wieder gestoppt.

Wie es zur Zustimmung kam – nach vielen Jahren des Tabus? Viel hat sicher damit zu tun, dass Zucman in seinem Vorschlag frühere Bedenken und Fehler in der Ausgestaltung von Vermögensteuern auszuräumen versucht: Danach gäbe es keine Schlupflöcher mehr; die Betreffenden würden zumindest für ein paar Jahre noch nach Sätzen ihrer Herkunftsländer besteuert, wenn sie ins Ausland gehen. Auch wäre es eine moderate Besteuerung derer, die sich über ihr Auskommen wahrlich keine Sorgen mehr machen müssen.

Ob es möglich sei, Vermögende noch zu besteuern, wenn sie mal im Ausland seien, wandte Jens Südekum ein. Das werde von den USA seit langem so praktiziert, so Zucman, der auch in Kalifornien lehrt. Sprich: Es ginge. Man könne die Zeit ja auf fünf Jahre begrenzen.

Wenn so eine Steuer inzwischen Mehrheiten findet, hat das nach Zucmans Einschätzung auch mit der Zuspitzung der Entwicklung zu tun: in Frankreich besaßen die 500 reichsten Menschen 2010 ein Vermögen in Höhe von etwa zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts – heute seien es schon 42 Prozent der nationalen Wirtschaftsleistung eines Jahres. Entsprechend relevanter sei für den Staatshaushalt, was davon besteuert werde.

Eine Rolle spiele auch, dass für die Menschen immer sichtbarer werde, welche Macht extremer Reichtum verleiht. In Frankreich besitzen Ultrareiche inzwischen einflussreiche Medien, die sie politisch steuern.

Auch Elon Musk dürfte den Menschen in diesem Sinne 2025 unfreiwillig bewusst gemacht haben, wie gefährlich die Ballung von Vermögen für eine Demokratie werden kann – mal abgesehen davon, dass diese Konzentration, anders als der gelegentliche Missbrauch von Bürgergeld, auch ökonomisch kaum noch sinnvoll zu rechtfertigen und volkswirtschaftlich nicht produktiv ist. Da wird viel Geld nicht sinnvoll genutzt, das an anderen Stellen fehlt.

Nur eins räumt auch Zucman ein: Selbst eine Mindeststeuer von zwei Prozent würde wenig an den Verhältnissen ändern, also daran, dass der Abstand zwischen Reich und Arm tendenziell weiter zunimmt. Immerhin erzielen die Reichsten im Schnitt Renditen von sechs Prozent; davon zwei Prozent abzugeben, wird ihre Vermögen weiter wachsen lassen – und diejenigen nicht reicher machen, die wenig oder nichts haben, auf das es überhaupt Renditen gibt.

Das gesamte einstündige Gespräch zwischen Gabriel Zucman und Jens Südekum im New Economy Short Cut – ​hier​.

Ein schönes Wochenende

Thomas Fricke

Dieser Text stammt aus unserer zweiwöchig erscheinenden Newsletter-Reihe. Zur Anmeldung geht es hier.

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