NEUES LEITMOTIV

After Neo-Liberalism: Towards an Institutionalism Paradigm

Eine Zusammenfassung des Berlin Summit „Winning back the people“, Mai 2024

VON

MAREN BUCHHOLTZ

VERÖFFENTLICHT

8. JULI 2024

LESEDAUER

3 MIN.

Margaret Thatchers berüchtigte Aussage, dass es „so etwas wie eine Gesellschaft nicht gibt“, brachte den neoliberalen Glauben an die Eigenverantwortung und einen schlanken Staat auf den Punkt. Auch heute noch ist die Rhetorik des „Haushaltsbudgets“, die bewusst die Natur der öffentlichen und persönlichen Finanzen vermengt, tief in unserem politischen Diskurs verankert. Michael Jacobs erklärte beim Berlin Summit, dass diese Narrative durch ihre vermeintlich wissenschaftliche Rechtfertigung durch die Wirtschaftstheorie erfolgreich waren. In seinem Aufsatz „After Neoliberalism: Economic Theory and Policy in the Polycrisis“ schlägt er einen „ontologischen Institutionismus“ als neuen theoretischen Rahmen für ökonomisches Denken vor.

Ein zentraler Grundsatz des neoklassischen Denkens, der „ontologische Individualismus“, definiert wirtschaftliches Verhalten als von autonomen, eigennützigen Individuen getrieben. Jacobs zufolge hat diese Annahme dazu beigetragen, dass sich die Ökonomen seit den 1970er/80er Jahren zu sehr auf marktwirtschaftliche Lösungen verlassen haben. Das Festhalten an diesem Denkansatz hat seiner Auffassung nach dazu geführt, dass die Ökonomen nicht in der Lage waren, schwerwiegende makroökonomische Probleme anzugehen, angefangen beim globalen Finanzcrash und der folgenden Austerität bis hin zu zunehmender Ungleichheit, Inflation und Klimakrise.

Er plädierte für einen „ontologischen Institutionismus“ als neue theoretische Grundlage für wirtschaftliches Denken. Dieser Ansatz betrachtet Institutionen und nicht Individuen als Eckpfeiler wirtschaftlicher Entscheidungen. Individuen, Haushalte und Unternehmen werden nicht als völlig souveräne oder autonome Einheiten betrachtet. Vielmehr wird davon ausgegangen, dass ihre Präferenzen und wirtschaftlichen Entscheidungen weitgehend von institutionellen Strukturen und Regeln beeinflusst werden. Märkte können zwar eine wichtige Rolle bei der effizienten Ressourcenallokation spielen, sollten aber nicht als die wichtigste institutionelle Einrichtung betrachtet werden. Für verschiedene Lebensbereiche sollten unterschiedliche Arten von Institutionen in Betracht gezogen werden. Der „ontologische Institutionismus“ versteht die Wirtschaftspolitik als einen Prozess der institutionellen Gestaltung. Er zielt darauf ab, die inhärenten ethischen Werte, die den politischen Zielen zugrunde liegen, transparenter zu machen und sich von der Wahrnehmung der Wirtschaftswissenschaften als exakte Wissenschaft zu lösen.

Jacobs betonte, dass dieser Ansatz kein Werturteil über die Wahl der Institution enthält. So könnten Ökonomen in einer Gesellschaft, die der individuellen Freiheit den Vorrang einräumt, den „Institutionalismus“ als theoretischen Rahmen nutzen, um dafür einzutreten, sich weitgehend auf marktorientierte Institutionen zu verlassen.

“Where the neoliberal approach, resting on its neoclassical foundations, asks: how can we make this market work better—or if we haven’t got a market, how can we create one?—the institutionist approach asks: are these the right institutions for the outcomes we are seeking? Could we reform the institutional arrangements, or create new institutions, which would be more likely—because of the values and motivations they embody—to achieve our policy objectives?”  (Jacobs, 2024)

In seinen Ausführungen stellte Peter Bofinger die These in Frage, dass die Mainstream-Ökonomie in den letzten Jahrzehnten vor grundlegenden Herausforderungen stand und eine neue theoretische Grundlage oder Metatheorie benötigt wurde. Er räumte zwar ein, dass in den letzten Jahren politische Fehler begangen wurden, etwa durch eine zu harte Sparpolitik in Europa oder durch das Versäumnis, angemessen auf den Klimawandel zu reagieren, doch seiner Ansicht nach war die Wirtschaftspolitik bei der Bewältigung der globalen Krisen nach dem Zusammenbruch der Finanzmärkte im Jahr 2008 überwiegend erfolgreich. Bofinger wies auch darauf hin, dass viele Aspekte des von Michael Jacobs dargelegten institutionellen Ansatzes in der bestehenden Wirtschaftsliteratur zu finden seien, beispielsweise in den Werken von Musgrave und Schumpeter. Während Musgrave bekanntlich einem strikten methodologischen Individualismus kritisch gegenüberstand, bedeutete der Zeitgeist der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts, dass er keine kohärente Vision darüber formulierte, wie Institutionen das wirtschaftliche Verhalten beeinflussen. Dies verdeutlicht letztlich, dass das vorherrschende ökonomische Paradigma und seine theoretische Basis immer durch das vorherrschende Verständnis der sozialen Kontexte der jeweiligen Zeit geprägt ist.

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