NEUES LEITMOTIV

Forum-Newsletter: High Noon an der Tankstelle - Krisenmanagement aus vergangenen Zeiten

Aus unserer Forum New Economy Newsletter-Reihe

VON

THOMAS FRICKE

VERÖFFENTLICHT

23. MÄRZ 2026

Liebe Freunde, Kolleginnen und Kollegen, 

je akuter die Krisen und je gewaltiger die Schocks – desto wichtiger scheint, ob Regierende und Regierte ganz grundsätzlich einen Leitfaden dafür haben, wie und mit welchen Mitteln sie auf die Herausforderungen ihrer Zeit reagieren. Wie absurd es wird, wenn so ein Paradigma als Orientierung fehlt, lässt sich in diesen Tagen in Deutschland beobachten – wo nun einem wiederholten globalen Gas- und Ölpreisschock mit der Vorgabe an die lokalen Tankstellenbetreiber begegnet werden soll, die Preise bitte schön nur noch um zwölf Uhr mittags anzuheben.

Daraus spricht Hilflosigkeit. Daraus spricht auch das Selbstverständnis aus Zeiten eines früheren Paradigmas, nach dem am Ende Märkte eigentlich immer die richtigen Signale senden – und es höchstens mal sein kann, dass es etwa am Tankstellenmarkt angesichts weniger Akteure zu Absprachen kommt. Dabei hat sich im Inflationsschock von 2022 gezeigt, dass hinter dem Schock ein tieferes Problem steckt: dass Rohstoffmärkte dazu tendieren können, über Panikschübe sich in Kursexplosionen zu steigern, die mit einer – nach Marktlehre sinnvollen – Steuerung nur noch sehr bedingt etwas zu tun haben, dafür aber dramatische politische Konsequenzen nach sich ziehen. Und dass Konzerne die Inflationswirren offenbar auch nutzen können, um die eigenen Preise anzuheben – mit dem Argument, dass es ja gerade Inflation gibt. Fatal.

In den USA dürfte das die Wiederwahl Joe Bidens verhindert haben. In Deutschland fallen die Inflationsrekorde 2022 mit dem Wiederaufstieg der AfD zusammen. Auf den erneut drohenden Schock mit Regulierung der Tankstellenpreissetzung zu reagieren, hat da etwas Kafkaeskes.

Wer noch im Paradigma der heilen Marktlehre steckt, wird Preisschocks nicht so kontern, wie es dringlich erscheint, wenn davon auszugehen ist, dass Finanz- und Rohstoffmärkte eben doch immer wieder zu gefährlichen Übertreibungen neigen – und Konzerne die Inflation dann auch gern mal ausnutzen.

Wenn das stimmt, bräuchten die Regierenden für Krisenfälle wie jetzt ein sehr viel gravierender wirkendes Instrumentarium, um Preisspiralen gar nicht erst in Gang kommen zu lassen – ob über Eingriffe an den Rohstoffmärkten oder Preisbremsen. Wenn die Märkte offenbar überreagieren, ist es abwegig, derartige Eingriffe mit dem Argument abzulehnen, weil sie die Märkte beeinträchtigen. Dann kommt es eher darauf an, welche die effektivsten Mittel sind – ob Preisgrenzen oder Steuern auf übermäßig hohe Gewinne zur Abschreckung.

Wer die immer neuen Krisen dieser Zeit reflexartig mit Mitteln zu bekämpfen versucht, die aus einem von der Realität überholten Paradigma stammen, wird den nächsten Schub für Populisten nicht verhindern.

*

Zu den paradigmatisch neuen Antworten auf die geo-politisch bedingten Krisen der (marktliberalen) Globalisierung könnte auch gehören, was unter dem Label „Buy European“ kürzlich aus Brüssel angestoßen wurde. Wenn Chinesen und Amerikaner mit Macht ihre eigenen Industrien unterstützen und gerade Deutschland durch ungesteuerten Handel gefährlich abhängig von strategisch wichtigen Produkten wie Chips geworden ist, ist eben auch hier fraglich, ob die Regeln aus Zeiten des alten marktliberalen Paradigmas noch helfen, nach denen es möglichst keine industriepolitischen Eingriffe geben darf.

Darüber haben wir in unserem New Economy Short Cut diese Woche mit Armin Steinbach, dem Chefökonomen des Bundesfinanzministeriums, und Sander Tordoir vom Center for European Reform gesprochen – im Re-live hier. Noch ein Beitrag auf der Suche nach einem dringend nötigen neuen Paradigma.

 

Ein schönes Wochenende

Thomas Fricke 

Dieser Text stammt aus unserer zweiwöchig erscheinenden Newsletter-Reihe. Zur Anmeldung geht es hier.

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