Zur Gestaltung eines neuen gesamtwirtschaftlichen Paradigmas

Während unseres IX. New Paradigm Workshops sprachen wir mit Diane Coyle und Michael Jacobs darüber, warum sich die Wirtschaft verändern muss und was es braucht, um ein übergreifendes Wirtschaftsparadigma zu entwerfen.

 

DIANE COYLE begann ihren Vortrag mit Zahlen zur zeitlichen Entwicklung der Anzahl an wissenschaftlichen Veröffentlichungen nach Fachbereichen in den Wirtschaftswissenschaften. Hierbei zeige sich seit den 1980er Jahren eine „angewandte Wende“, d. h. eine stetige Überholung der Mikroökonomie als Fachgebiet. Der Mangel an Diversität an wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten führe zu einer unbewussten Voreingenommenheit in Bezug auf die wirtschaftlichen Modellierung und in der Anwendung statistischer Methoden, was indirekt auch den „data bias“ in der künstlichen Intelligenz fördert. Darüber hinaus mache der Mangel an Transdisziplinarität die Wirtschaftswissenschaften zu einer recht selbst-bezogenen Wissenschaft. Die Grundannahmen über Gesellschaft und Märkte (u.a. der „homo oeconomicus“), verzerrten die Realität und führten zu der Tendenz, sich bei der Lösung wirtschaftlicher und sozialer Probleme auf die Märkte zu verlassen. In ihrem Buch „Cogs and Monsters: What Economics Is, and What It Should Be“ empfiehlt sie, enger mit anderen Disziplinen und anderen Methoden zusammenzuarbeiten, zur politischen Ökonomie zurückzukehren und die Wohlfahrtsökonomie neu zu beleben.

MICHAEL JACOBS stellte die verschiedenen Aspekte eines politisch-ökonomischen Paradigmas vor. Jedes Paradigma braucht konkrete politische Ziele, unterstützende Wirtschaftstheorien und erfolgreiche Wege, den öffentlichen Diskurs zu gestalten. Seiner Ansicht nach befinden wir uns in der historischen Entsprechung der Großen Depression der 1930er Jahre – einer Zeit, in der die politischen Rezepte des vorherrschenden Paradigmas gescheitert sind, aber ein neues wirtschaftliches Denken noch nicht Fuß gefasst hat. Zu den Hindernissen gehören die unzureichende Kommunikation zwischen den so genannten Mainstream- und den heterodoxen ökonomischen Denkschulen und die allgemein fehlende Umsetzung ökonomischer Ideen in der breiten öffentlichen Debatte. Er schlägt vor, das Wirtschaftswachstum als Hauptziel der Politik durch eine neue Reihe von Zielen zu ersetzen, darunter ökologische Nachhaltigkeit, Verbesserung des Wohlbefindens, Verringerung der Ungleichheit und Widerstandsfähigkeit des Finanzsystems.

Es folgte eine lebhafte Diskussion über die zentralen Annahmen in Wirtschaftsmodellen und darüber, inwieweit sie überdacht werden sollten. MICHAEL JACOBS und DIANE COYLE betonten beide, dass das Kernproblem des Basismodells die Annahme einer „idealen Welt“ im Basismodell sei, während die so genannten Externalitäten in Wirklichkeit grundlegende Faktoren in der Wirtschaft seien. MAJA GÖPEL unterstrich die Notwendigkeit, die Gründe für das bisherige Scheitern der Entkopplung zu ergründen, unter anderem durch eine genauere Betrachtung der Rebound-Effekte. Sie unterstrich auch die Bedeutung einer besseren Qualität von Daten und Indikatoren (z. B. für die biologische Vielfalt) für die Ausrichtung des Systemwechsels in der Wirtschaft auf eine bessere Berücksichtigung der Komplexität.

JAKOB VON WEIZSÄCKER stimmte zu, dass der Versuch, die ökonomischen Probleme das 21. Jahrhundert mit ökonomischen Reflexen des 20. Jahrhunderts zu lösen, scheitern wird. Daher sollten Wirtschaftswissenschaftler neugieriger und selbstkritischer sein, Ad-hominem-Argumente innerhalb des Berufsstandes vermeiden und sich darauf konzentrieren, neue Lösungen anzubieten. Seiner Ansicht nach befinden wir uns noch in einer „Prä-Paradigma-Phase“ und sind noch nicht in der Lage, eine praktikable Alternative zu präsentieren. Nach Ansicht von JENS SÜDEKUM war das grundlegende Wachstumsmodell recht flexibel, z. B. bei der Einbindung des Finanzsektors. In diesem Punkt äußerte sich ANTONELLA STIRATI vorsichtiger und wies auf einige Inkonsistenzen in den ökonomischen Modellen hin. Sie warf die Frage auf, ob der derzeitige Paradigmenwechsel von Dauer sein werde und inwieweit sich das „alte“ Denken (z.B. in Form der EU-Fiskalregeln) ändern werde, insbesondere im Falle einer Umkehrung des Niedrigzinstrends.