Vom Washington zum Cornwall Consensus?

Der Washington Consensus gilt als überholt, aber was könnte auf ihn folgen? Stormy-Annika Mildner, Mitglied des G7-Gremiums für wirtschaftliche Resilienz, über den Cornwall Consensus und sein Potenzial, neue politische Visionen anzuregen.

 

Nachdem die COVID-19-Pandemie die Schwächen des stark auf Marktliberalisierung ausgerichteten neoliberalen Wirtschaftssystems erneut verdeutlicht hat, scheint sich ein neues politisches Paradigma immer stärker abzuzeichnen. In einem kürzlich veröffentlichten Bericht fordert das G7 Economic Resilience Panel ein radikal erneuertes Verhältnis zwischen öffentlichem und privatem Sektor, um eine nachhaltige, gerechte und widerstandsfähige Wirtschaft zu schaffen. Zu den Mitgliedern des Gremiums gehören unter anderem die IIPP-Direktorin Mariana Mazzucato und der französische Wirtschaftswissenschaftler Thomas Philippon.

In Vorbereitung auf unseren IX New Paradigm Workshop am 27. Oktober hatten wir die Gelegenheit, mit der deutschen Beauftragten für das G7 Economic Resilience Panel, Stormy-Annika Mildner, über die Entstehungsgeschichte des G7-Berichts zu sprechen. Fast ein halbes Jahrhundert lang bestimmte der Washington Consensus die globale Wirtschaftspolitik, nun folgt der Versuch des Panels, einen im Geiste, wenn auch nicht Inhalt, dem berühmten Washington Consensus nachempfundenen neuen wirtschaftlichen Konsens zu entwickeln – den ‚Cornwall Consensus‘.  Darin werden sieben Prioritäten für öffentlich-private Investitionen, globale Standards und eine bessere Regierungsführung, auch in den Bereichen Gesundheit und Klimawandel, festgelegt.

Wie Stormy-Annika Mildner in ihrem Gespräch mit uns erläuterte, wurde das G7 Economic Resilience Panel ursprünglich mit einem starken Fokus auf die Erhöhung der Widerstandsfähigkeit globaler Lieferketten initiiert. Die massiven Herausforderungen der Corona-Krise, und die dadurch zu Tage tretenden Unzulänglichkeiten des alten Wirtschaftsparadigmas, veranlassten die Gruppe jedoch, wirtschaftliche und gesellschaftliche Resilienz in einem breiteren Rahmen zu denken.

Im Mittelpunkt des Cornwall-Konsenses steht die Idee, einen neuen Pakt der Solidarität zu schließen, so Mildner. Zentral sei dabei die Einsicht, dass Marktliberalisierung und Deregulierung nicht automatisch zu Wohlstand und Prosperität führen, sondern durch wirtschaftspolitischen Maßnahmen begleitet werden müssen, die Auswirkungen auf Ungleichheit, Protektionismus und Klimawandel berücksichtigen.

Zu den wichtigsten Empfehlungen des Gremiums gehört eine intensivere Zusammenarbeit zwischen den (G7) Ländern durch verbesserte Kommunikationskanäle und gemeinsame Handlungsanweisungen. So sollten nicht nur Daten über gemeinsame Risikofaktoren ausgetauscht, sondern auch die Anstrengungen zur Verbesserung von Investitionen intensiviert werden. Ein im Bericht genanntes Beispiel, das auch in unserem Gespräch mit Mildner hervorgehoben wurde, ist die Empfehlung, ein missionsorientiertes Forschungszentrum nach dem Vorbild des CERN zu gründen, das Klima-Innovationen fördern und öffentliche und private Investitionen zur Dekarbonisierung der Wirtschaft bündeln kann.

Darüber hinaus empfiehlt das Gremium, bestehende Governance-Strukturen und -Standards stärker an die Realitäten des 21. Jahrhunderts anzupassen und sozioökonomischen Wohlstand und Fortschritt in einem breiteren Rahmen als Wachstum und BIP zu betrachten.

Die ganze Session als re-live hier:

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