Rückblick auf den Workshop zur Zukunft des deutschen Wirtschaftsmodells

Fast 60 Rednerinnen und Redner haben mit uns zusammen die Zukunft des deutschen Wirtschaftsmodells analysiert. Was war bemerkenswert? Was nimmt man mit und was gibt es noch zu tun?

 

Liebe Freunde und Freundinnen des Forums,

was bleibt von einem Event hängen, bei dem fast sechzig großartige Redner und Panelisten auszuloten versucht haben, wie die Zukunft des deutschen Modells aussieht? Was kann man denen sagen, die nicht dabei waren?

Dass Thomas Piketty die historische deutsche Innovationsfähigkeit in sozialen Angelegenheiten als Hoffnungswert für Europa einstuft? Dass Nobelpreisträger Joe Stiglitz sich ziemlich friedlich und konstruktiv mit dem deutschen Finanzminister Olaf Scholz ausgetauschthat – wo er den Vorgänger über Jahre für seinen Hang zur Austerität kritisiert hat? Oder dass der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn als eine Lehre aus der Corona-Krise dargelegt hat, warum es jetzt ein neues Staatsverständnis braucht – eine Abkehr seiner Partei vom deklarierten Marktliberalismus, wie er auf dem Leipziger Parteitag anno 2005 einmal ausgerufen wurde – und der Staat wieder mehr dazu beitragen sollte, soziale Nöte etwa bei der Pflege aufzufangen und industriepolitische Prioritäten zu setzen.

Da gab es die neuen Ergebnisse der Forsa-Umfrage im Auftrag des Forums New Economy, wonach 28 Prozent der Deutschen sagen, das Wirtschaftssystem, wie es heute funktioniert, müsse „grundlegend erneuert“ werden. Ebenso wie die beeindruckenden Ergebnisse der Studie zu den Haupttreibern von Ungleichheit im Land – und dem entscheidenden Unterschied zwischen Immobilienbesitzern und Mietern. Und die Präsentation, in der Dalia Marin eindrucksvoll darlegte, warum die Einheit vor 30 Jahren geradewegs in die Krise des wirtschaftsliberalen Paradigmas und eine Menge Probleme im Osten geführt hat – es mit dem Wiederaufleben der Industriepolitik nun aber doch noch Aussicht auf blühende Landschaften gibt. Oder unsere Auswertungen, wonach der Höhenflug marktliberaler Narrative in deutschen Publikationen ziemlich genau im Jahr der Finanzkrise 2008 bereits gekippt ist. Und natürlich die lebhafte Debatte um die deutschen Ökonomen – mit Jakob von Weizsäcker und Nora Szech und Rüdiger Bachmann. Und einem Appell an die Herzen.

Und wie soll das neue deutsche Modell jetzt aussehen? Anders. In jedem Fall. Wobei wir uns nicht anmaßen wollen, für die Antwort einiger Hundert Leute zu sprechen, die an den drei Tagen mehr oder weniger aktiv am Workshop teilgenommen haben – ob vor Ort im Auditorium Friedrichstraße oder virtuell über Zoom, Twitter oder Youtube. Nur so viel: es zeichnet sich ab, dass Deutschland zum Erfolg dringend dafür sorgen muss, das Auseinanderdriften von Reich und Arm zu stoppen. Und eine sehr viel ausgereiftere Industriepolitik bräuchte, wie sie Rainer Kattel und Mariana Mazzucato in ihrer diese Woche präsentierten Studie dargelegt haben. Und ein neues Paradigma für die Fiskalpolitik, wie es Michael Hüther und Jens Südekum in ihrem Paper praktisch auszuformulieren versuchen, indem sie neue Regeln für die Schuldenbremse vorschlagen. Und mehr Gestaltung zukünftiger Industrien – statt nur den Niedergang der Autoindustrie zu bestaunen.

Verpasst? Den Talk von Olaf Scholz mit Joe Stiglitz. Oder die Keynote von Thomas Piketty. Oder eine der anderen Sessions. Alle Videos, Präsentationen, Paper und Studien gibt es jetzt und in den nächsten Tagen auf newforum.org. Es lohnt.

Thomas Fricke, Anne Zweynert de Cadena, Marc Adam, Thore Beckmann und Xhulia Likaj

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