Event: “The New Economics: A Manifesto”

Steve Keen hat ein neues Buch geschrieben, in dem er mit Mainstream Wirtschaftsmodellen bricht. In unserem New Economy Short Cut hat Steve Keen seine Vorschläge für eine neue Ökonomik mit Ann Pettifor und Peter Bofinger diskutiert. Können seine Ideen Abhilfe gegen die Fehler im bestehenden System schaffen?

 

Selbst 15 Jahre nach Ausbruch der Großen Finanzkrise fällt es Ökonomen schwer, das Risiko erneuter Turbulenzen in ihre gängigen Modelle einzubauen. Kaum jemand hat das so früh schon kritisiert wie der Ökonom und Autor des populären Buches „Debunking Economics“ Steve Keen. Jetzt hat Steve ein neues Buch geschrieben, das die Mainstream-Ökonomie kritisiert – und ein anderes Modell vorschlägt, das auch helfen könnte, Herausforderungen wie den Klimawandel besser anzugehen.

Wie das aussieht, hat Steve Keen in unserem New Economy Short Cut vorgestellt und gemeinsam mit Ann Pettifor und Peter Bofinger diskutiert. Wir haben die Highlights zusammengefasst.

Die Key Takeaways

Steve begann seinen Vortrag mit einer Erläuterung der Beobachtungen und der Motivation, die seinem Buch zugrunde liegen. Einer der größten Fehler der mainstream Ökonomie sei es, dass sie keine wahre Wissenschaft sei. Dies sei deshalb so, da die Ökonomie keine wissenschaftlichen Revolutionen dulde. In Anlehnung an Thomas Kuhn beschreibt Steve, dass im Falle einer echten Wissenschaft eine Anomalie zu einem Umsturz des vorherrschenden Paradigmas führt. Steve argumentiert, dass dies in der Ökonomie nicht der Fall ist, wo das neoklassische Paradigma mit großen Anomalien (Great recession, Finanzkrise usw.) konfrontiert wurde, aber in fast unveränderter Form fortbesteht.

Er erläuterte auch den Schwerpunkt seines Buches auf dem Geldsystem und argumentierte, dass Credit in der Mainstream-Makroökonomie nicht angemessen modelliert werde. Steve hat daher eine neue makroökonomische Modellierungssoftware entwickelt, die auf Minskys Arbeit basiert und Kredit und Geld einschließt, wodurch die komplexe Dynamik des ökonomischen Systems dargestellt und berücksichtigt werden kann. Da Kredite volatil und ein dominierender Faktor im System seien, müsse ein angemessenes makroökonomisches Modell ihrer Rolle in der Wirtschaft Rechnung tragen. Steve zufolge ist dies nichts weniger als eine vollständige Umgestaltung der Makroökonomie. Steve bricht auch mit der Vorstellung, dass die Makroökonomie auf einem mikroökonomischen Fundament aufbauen sollte. Vielmehr brauche die Makroökonomie ein makroökonomisches Fundament.

Außerdem beinhaltet Steves Modell eine Integration von Wirtschaft, Energie und Ökologie und verändert damit das Verständnis von Produktion. Die Mainstream-Ökonomie, so Steve, unterschätze konsequent die Beziehung zwischen Energie und BIP und damit auch die Auswirkungen eines Rückgangs der Energie auf das BIP. Ökonomen wie Nordhaus seien nicht nur von unrealistischen Annahmen ausgegangen, um ihre Vorhersagen zu stützen, sondern hätten auch die wirtschaftlichen Auswirkungen des Klimawandels bagatellisiert und damit angemessene Klimaschutzmaßnahmen verzögert. Keine echte Wissenschaft hätte die unrealistischen Annahmen der Mainstream-Wirtschaft akzeptiert, sagt Steve. Künftige Studenten sollten daher Systemdynamik und die Analyse komplexer Systeme lernen.

Ann Pettifor, die auf Steves Buch reagierte, lobte das Buch für seine Analyse der Beziehung zwischen Wirtschaft und Ökologie. Überraschenderweise, so sagte sie, sei das derzeitige System trotz all der in Steves Buch zu Recht aufgezeigten Mängel weit davon entfernt, umgestaltet zu werden, sondern konsolidiere sich vielmehr. Eine weitere Schuldenimplosion könnte bevorstehen, und Ökonomen wie Nordhaus stünden trotz ihrer fehlerhaften Analysen immer noch im Mittelpunkt der Debatte. Ann fügte hinzu, dass eines der größten Verbrechen der Wirtschaftswissenschaften darin besteht, dass sie ihre Genies vernachlässigt. Als Beispiele nannte sie Steve und John Law, der zu den frühen Pionieren bei der Erforschung der wahren Natur des Geldes gehörte.

Auch Peter Bofinger lobte Steve dafür, dass sein Buch eine dringend notwendige Debatte anrege. Er identifizierte wichtige Elemente eines neuen Paradigmas in Steves Buch, darunter die Idee, dass ein neues Paradigma grundlegend monetär sein muss, dass die Wirtschaft ein komplexes System ist, dass die Ökonomie mit den Gesetzen der Thermodynamik übereinstimmen und auf empirischem Realismus beruhen muss. In Bezug auf die Idee, dass eine neue Ökonomie monetär sein müsse, stimmte Peter mit Steve überein. Eine Revolution sei dringend erforderlich. Er nannte Schumpeter als einen seiner Helden auf diesem Gebiet, der zwischen realer Analyse und monetärer Analyse unterschieden und die Idee eingeführt habe, dass Banken keine Intermediaries, sondern Kaufkraftproduzenten seien.

Er kritisierte jedoch, dass die Godley-Tabellen, die zur Untermauerung von Steves Modell verwendet werden, keine realen Vermögenswerte enthalten, sowie die Annahme, dass ein Schuldenerlass nicht inflationär wäre. Peter warnte auch davor, das IS/LM-Modell aufzugeben, wie von Steve gefordert. Trotz ihrer Mängel, so Peter, sei ein Teil des mikroökonomischen Totems immer noch nützlich. „Ohne unsere eigenen mathematischen und visuellen Alternativen werden wir das neoklassische Totem nicht aus den Köpfen der Menschen verdrängen.“

Daran schloss sich eine lebhafte Diskussion über die Relevanz und die potenziellen Mängel des IS/LM-Modells an, wobei Steve auf der einen Seite auf die Fehler des Modells verwies und Peter seine Nützlichkeit betonte.

Schließlich wollte Thomas Fricke von Steve wissen, ob er glaube, dass in den Wirtschaftswissenschaften ein umfassenderer Wandel stattfinde – vielleicht sogar ein Paradigmenwechsel. Steve antwortete, dass die Ökonomie – solange sie weiterhin auf der Mikroökonomie und dem IS/LM-Modell aufbaue – in einer Sackgasse stecke. Während die Integration komplexer Systemanalysen und neuer Finanzansätze in den Wirtschaftswissenschaften immer mehr an Bedeutung gewinne, bleibe der harte Kern unverändert.

Ann Pettifor antwortete etwas optimistischer. Sie ist der Meinung, dass sich Economics in der Tat verändert, und dass ein Paradigmenwechsel bereit ist, einige der bestehenden Wahrheiten zurückzuerobern. „Wir haben es mit einem komplexen System zu tun, und es für die Öffentlichkeit verständlich zu machen, ist nicht einfach. Aber mit der Wirtschaft ist es ein bisschen wie mit der Schwerkraft, man kann die Wahrheit nicht leugnen. Wir müssen das Geldsystem verstehen und akzeptieren, wie es ist. Mit diesem Verständnis können wir es dann neu erfinden und verändern.“

Die ganze Diskussion im Re-live

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